Trotzig erklärte der Befehlshaber der libanesischen Armee, Michel Aoun: „Aus meiner Sicht ist am Sonntag rein gar nichts geschehen.“ Tatsächlich aber hat der Libanon seit dem Wochenende wieder einen Staatspräsidenten. 409 Tage war der von Amin Gemayel verlassene Sessel verwaist; jetzt besetzt ihn der maronitische Christ René Moawad.

Alle Welt atmete auf und sandte Glückwünsche. Der 64jährige Moawad erhielt eine klare Mehrheit im libanesischen Rumpfparlament, das freilich General Aoun zuvor eigenmächtig für „aufgelöst“ erklärt hatte. Der streitbare General verwehrt dem eben Gekürten den Einzug in den Präsidentenpalast von Baabda.

„Die Versöhnung soll auch jene einschließen, die sich selbst ausschließen.“ Mit diesen Worten reichte Präsident Moawad dem General die Hand. Doch die Christen im Libanon sind gespalten. Der maronitische Patriarch Nasrallah Sfeir versicherte den neuen Staatschef seiner Unterstützung – und setzte sich damit den Tätlichkeiten fanatischer Aoun-Anhänger aus. Andere christliche Führer, die auf den sofortigen Abzug der Syrer pochen, halten dem General die Treue.

René Moawad nennt man „den kühlen Kopf aus Zghorta“, einem Ort in den Bergen des Nordlibanon. Als Realist sieht er ein, daß eine Befriedung vorläufig nur unter syrischem Schutzschirm erfolgen kann. „Wenn es Moawad nicht schafft, einen Modus vivendi mit allen Beteiligten zu finden, schafft es keiner“, orakelte ein Abgeordneter.

Dem karrierebewußten Moawad – mit 32 Jahren war er bereits Abgeordneter – wird nachgesagt, er sei „zu wendig, um ehrlich zu sein“. Auf dem „Meister des Kompromisses“ mit Sinn fürs Machbare ruhen freilich alle Hoffnungen: Er muß zu einem Mittler im zerrissenen Beirut werden. F.G.