Noch heute bieten sie mit ihrer grazilen Leichtigkeit einen berückenden Anblick – die Piers der englischen und walisischen Seebäder, die zumeist in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts entstanden. Viele sind inzwischen zerfallen, andere wurden renoviert und stehen heute unter Denkmalschutz.

Diese Meisterwerke der Ingenieurskunst spiegeln ein Stück Sozialgeschichte des Tourismus wider. Als ins Meer gesetzte Promenaden der aristokratischen Gesellschaft waren sie nach Gründung der Seebäder entstanden, die in England früher begann als auf dem Kontinent. Später wurden die Piers zu Rummelplätzen breiter Bevölkerungsschichten. Den Musikpalästen gesellten sich Cafés, Spielhallen und Tanzsäle zu. Auf Dauer nutzte es der feinen Gesellschaft wenig, daß sie mit höheren Eintrittspreisen das schnell wachsende Proletariat der großen Industriestädte fernzuhalten versuchte.

Diese Ferienzentren, viele mit orientalisch gestalteten Pavillons ausgestattet, gaben den Gästen die Illusion einer Seereise, ohne daß sie sich deren Unbequemlichkeiten zu unterziehen brauchten. Die Anfälligkeit der „Traumstege ins Meer“, die häufig durch Stürme, Brände und bei Schiffskollisionen zerstört wurden, führte dazu, daß die havarierten Vergnügungsparks auf dem Wasser oft nicht wieder renoviert wurden und verfielen. An der Ost- und Südküste Englands wurden sie während des Zweiten Weltkriegs auch vorsätzlich zerstört, um nicht eine befürchtete Invasion von Hitlers Truppen zu begünstigen.

Stimmungsvolle und einfühlsame Aufnahmen, zusammengefaßt in dem Bildband „Die großen Piers – Englands Traumstege ins Meer“ (Text John K. Walton, Photos Richard Fischer; Edition Braus, Heidelberg; 39,80 DM), zeigen nicht nur die gut erhaltenen Freizeitzentren auf Stelzen, sondern auch die zerfallenen, deren Zeit für immer vorbei ist. Allerdings wünscht sich der Betrachter, die Bildzeilen wären etwas informativer ausgefallen und auf die Aufnahmen bezogen worden. Daß die Photolegenden oft recht willkürlich dem Begleittext des Buches entnommen wurden, ist ein Mangel des schönen Bandes. No