Von Joachim Dyck

An Schreckensnachrichten über die katastrophalen Verhältnisse an den deutschen Universitäten ist derzeit kein Mangel. 1,5 Millionen Studenten reißen sich um 780 000 Studienplätze, Seminare finden in Tanzsälen statt, und Vorlesungen müssen auch samstags in Kinos abgehalten werden: Dieses Bild vom Zusammenbruch eines geordneten akademischen Betriebs entfaltete der Spiegel Ende letzten Jahres vor den Augen einer bestürzten Öffentlichkeit: So verheerend hatte sich bisher niemand die Zustände vorgestellt.

Und so schlimm sind sie auch nicht. Denn es wäre grundfalsch, sich von solch heillosen Bildern zu dem Glauben verleiten zu lassen, eine Misere dieses Ausmaßes herrsche an allen bundesdeutschen Hochschulen unterschiedslos.

Als Beispiele für qualvolle Enge und miserable Studienbedingungen mußten immer die gleichen Fachrichtungen und die gleichen Universitätsstädte herhalten. Stets waren es die Juristen und Sozialwissenschaftler in Köln, die Betriebswirtschaftler in Münster, die Wirtschaftswissenschaftler in Bochum oder die Ingenieure der Technischen Hochschulen in Hamburg-Harburg und Aachen, die sich Sitzplätze, Computer und Bücher streitig machten: Von Passau oder Konstanz, von Braunschweig, Osnabrück oder Wuppertal war offenbar nichts Aufrüttelndes zu berichten.

Kein Wunder. Denn bei der Wahl ihres Studienortes konzentrieren sich deutsche Kommilitonen besonders stark auf nur zehn von nahezu sechzig Universitäten der Bundesrepublik. In einer Auswertung des Studienjahres 1988, die Ende Mai 1989 veröffentlicht wurde, bestätigt das Bundesbildungsministerium, daß sich fast vierzig Prozent dort einschreiben, wo der Zulauf ohnehin seit Jahren am stärksten ist, nämlich in München (Uni 63 500), Berlin (FU 59 200) und Hamburg (41 600) sowie in den Ballungszentren an Rhein und Ruhr (Köln: 49 300, Münster: 44 500).

Um der Misere abzuhelfen, werden jetzt die universitären Neugründungen der siebziger Jahre dem Bewußtsein der Nation angedient: Bundesbildungsminister Möllemann appellierte zu Beginn dieses Semesters an die Abiturienten, „das Augenmerk bei der Wahl des künftigen Studienortes besonders auf die Provinz zu richten. An vielen Orten mit jungen und oft noch kleinen Hochschulen, von Osnabrück bis Konstanz, von Oldenburg bis Kassel oder Trier bis Paderborn, halte sich die ‚Studentenflut‘ noch in Grenzen. An diesen Orten gebe es attraktive Studienangebote, die oft wenig bekannt seien.“ So meldete es dpa.

Was bis vor kurzem noch im Geruch stand, für die Töchter und Söhne der besseren Kreise nicht gut genug oder politisch zu gefährlich zu sein, soll nun als erste Adresse gelten: Diese Aufwertung von der Reformruine zum piekfeinen College kann aber – wenn überhaupt – nur für die Naturwissenschaften und Fächer mit „Zukunftstechnologie“ gelten, die im wahrsten Sinne des Wortes auf Kosten der Geisteswissenschaften groß geworden sind. Und es wäre ein sträflicher Irrtum des angehenden Studenten der Germanistik, alle Universitäten über einen Kamm zu scheren und anzunehmen, die Institute der Neugründungen seien ebenso gut wie die der „alten“, der „klassischen“ Universitäten. Die Misere an den großen Universitäten mag groß sein, aber sie ist deswegen an den kleinen – jedenfalls was die Germanistik betrifft – nicht kleiner, da das katastrophale Verhältnis zwischen Studentenmasse und Lehrpersonal, das die Ausbildungsqualität beeinträchtigt, an den kleinen Universitäten keineswegs besser ist.