ZDF, Montag, 13. November, 22.55 Uhr: "Die Mondscheingasse", Fernsehspiel nach der Novelle

von Stefan Zweig

Stefan Zweigs Prosa ist überall szenisch, sie ist zur Verfilmung gewiß besonders geeignet. Soll das Unternehmen gelingen, braucht es Darsteller wie Michel Piccoli (Willer), Marthe Keller (Nelly), Niels Arestrup (Klemm) und einen Regisseur wie Edouard Molinaro. Der Film ist zumindest insofern gelungen, als er den Ton Zweigscher Novellen trifft; wer diese Novellen mag, ihre Nähe zur Melodramatik, zum Kitsch sogar, der wird diesen Film genießen.

Was für wunderbare Szenen, komponiert von Zweigs psychologischem Talent, des Überflusses seiner Schilderungen entledigt: trocken, brennend. Willer, der Fabrikchef, Nelly, die Tochter eines Angestellten: Ihre erste Begegnung hat mit dieser sozialen Abhängigkeit nicht nur am Rande zu tun: Willer braucht ihre Devotion, ihre Dankbarkeit, weil er sich in sie verliebt hat. Er liebt sie und muß sie unterwerfen. Noch ist sie stolz und schlägt seine schlüpfrigen Offerten aus, ihr eine Anstellung zu geben. Dann ist sie seine Frau und muß sich mehr und mehr daran gewöhnen, daß er sie nur als seine Dirne lieben kann.

Was für raffiniert erdachte Szenen: Er stellt sie als Gesellschafterin der blinden Mutter ein; die Mutter, die gleich eine richtige Ahnung hat, läßt sie sich von ihrem Sohn genau beschreiben: die Haare, die Augen, den Mund... Das geht nicht ab, ohne sich der Mutter und der Geliebten zu verraten. Willer ist kein Jüngling mehr, Lippen, Arme, Schenkel, das sind für ihn Mysterien seiner eigenen Begierde, das Menschenkind, das ihn so fasziniert, verliert er aus dem Blick.

In einem Restaurant: Willer fragt, wie die teure seidene Unterwäsche paßt, wie sie sich anfühlt, will es selber fühlen; jetzt, für das teure Essen, will er seinen Lohn, – Sie lernen, sich zu hassen, sie lernen, auf der Kehrseite des Glücks zu leben: in einem Hafenviertel, sie als Dirne, er als masochistischer Voyeur. "Ich hasse ihn, aber dieser Haß tut mir gut, er ist meine Rettung."

Ihr Unglück ist so groß, wie ihr Glück nie war, ihre Demütigungen so tödlich, daß sie sie brauchen wie ein Lebenselixier. Und wenn sie sich umarmen, ist’s ihr Untergang. Martin Ahrends