n seinen Notizen zu einer kurzen China- Reise schrieb Max Frisch 1976: "Peking- I Universität, eine Klasse im Deutschunterricht. Wir behandeln heute den deutschen Dichter Georg Weerth, sagt der chinesische Lehrer Ich bin froh, nicht geprüft zu werden "

Georg Weerth dürfte auch manchem deutschen Literaten, gar Leser unbekannt sein — vielleicht haben sie noch eben seinen Namen gehört, im Zusammenhang mit der deutschen Vormärz Literatur des 19. Jahrhunderts. In der DDR ist Weerth, der mit Marx und Engels befreundet war und Zeitgedichte auf die vorrevolutionären Zustände in frischer Heine Manier geschrieben hat, naturlich mehr als bloß ein Name; schon 195657 erschien in Ost Berlin eine fünfbandige Ausgabe seiner Werke. Und m der Volksrepublik China schätzt man ihn auch: Weerth ist leicht verständlich und scheint ins revolutionäre Weltbild zu passen. In der Bundesrepublik kam erst Mitte der siebziger Jahre eine zweibändige Werkauswahl heraus, unter dem bezeichnenden Titel "Vergessene Texte": Zeitungsberichte aus dem industrialisierten England, Gedichte, Feuilletons, Auszuge der "Humoristischen Skizzen aus dem deutschen Handelsleben", das Weerth als Kaufmann bestens kannte, und der Roman "Leben und Taten des berühmten Ritters Schnapphahnski" — eine Satire auf den deutschen, besser preußischen Junker, die Weerth als Zeitungs- und Fortsetzungsroman geschrieben hatte und für deren Veröffentlichung er zu drei Monaten Gefängnis verurteilt wurde. Nach 1848 hat er immer weniger geschrieben: enttäuscht vom Mißlingen der Revolution, in deren Dienst er seine Nebentätigkeit als Schriftsteller gestellt hatte.

Was er sonst an Schriftlichem hinterließ und was die Familie davon als "wertvoll" erachtet und erhalten hat (zum Beispiel nicht die Briefe von Marx und Engels), ist jetzt in zwei voluminösen Bänden erschienen: Weerths "Sämtliche Briefe", herausgegeben von Jürgen Wolfgang Goette, der schon die "Vergessenen Texte" mitedierte.

Die Ausgabe ist solide gearbeitet. Hinter jedem Brief stehen knappe biographische Kommentare zu genannten Personen; wo nötig, werden geschichtliche und personale Zusammenhänge hergestellt und erläutert. Die Briefe der Mutter sind um wenig interessante Passagen und einige Wiederholungen gekürzt, Auslassungen, deren Inhalt kurz mitgeteilt wird. Vor allem in den ersten beiden Dritteln ist diese tausendseitige Ausgabe für die deutschen Verhältnisse dieser Zeit aufschlußreich (und hinsichtlich des familiären Umgangs sogar unterhaltsam): Da geht es um private und öffentliche Personen, die Weerth häufig genug witzig bissig charakterisiert, und gleichzeitig immer um die Zustände von Staat und Gesellschaft. Dies auch, wenn er die Umstände seiner Handels- und Kaufmannslehre schildert, die er noch eher lässig betreibt.

Mit dem Bruder Wilhelm, der längere Zeit eine gut dotierte Stelle als Pfarrer sucht, spricht er offener, herzhafter als mit der Mutter — hin und wieder auch locker über Frauen, sarkastisch über Verwandte, ohne Umschweife deutlich über Freunde und Bekannte; da wünscht Georg einem Pastor schon mal den baldigen Tod, damit endlich eine Pfarre für Wilhelm frei werde.

In den Briefen der Mutter hingegen liest man häufig Ermahnungen an den Sohn: wegen seiner öffentlichen politischen Kommentare (was er milde hinnimmt), wegen seiner ständigen Geldknappheit (die er reumütig eingesteht), wegen seines "liederlichen" Lebenswandels (über den er schweigt). Vermutlich sah das alles damals von Detmold her viel schlimmer aus, als es war — jedenfalls ziehen sich diese Besorgnisse durch fast alle Briefe der Superintendenten Witwe. Denn Georg sollte Kaufmann werden, nur ja nicht Schriftsteller.

Handelsmann wurde er denn 1850, nach seiner dreimonatigen Haft im Kölner Klingelpütz. Die Revolutionen waren erstickt, und Resignation befiel manche von jenen, die daran beteiligt waren: Die Neue Rheinische Zeitung von Karl Marx, deren Feuilleton Weerth besorgt hatte (eines der besten, das es in jenem Jahrhundert gegeben hat), war eingegangen; den "Schnapphahnski" gab es endlich als Buch, immerhin; doch einen Gedichtband hatte Weerth erst zusammengestellt, dann aber wieder verworfen. Seither hat er, trotz Drängens von Marx und Engels, nicht mehr für die Öffentlichkeit geschrieben. Was von Weerth überliefert ist, stammt aus den sechs Jahren literarischer Nebentätigkeit: 1843 bis 1849.