Von Gisela Corbellini-Heim

Beim Fünfzigsten fand ich alles noch ganz nett. Es wurden auch keine großen Vorbereitungen getroffen, abends gingen wir unangemeldet nur zu viert in ein nah gelegenes Schloßrestaurant, wo wir bei Kerzenschein und guter Stimmung auf mein halbes Jahrhundert anstießen. Ich freute mich kindisch über jeden Anruf, war gerührt über die Geschenke meiner Sprößlinge, besonders über einen selbst modellierten, übervollen Früchtekorb – aus dem vollen schöpfend und noch viel vor mir, so fühlte ich mich. Ich wurde nicht müde, das Wortspiel zu wiederholen, das mir zu diesem Anlaß eingefallen war: „Was tut man mit fünfzig – läßt man’s oder verdoppelt man? Man verdoppelt natürlich!“

Verdoppeln mußte ich dann im Laufe des folgenden Jahrzehnts so manches. Zum Beispiel die Bemühungen, den verdächtig hell nachwachsenden Haaransatz zu übertünchen, und die gymnastischen Übungen, um nicht auch die Sechzig-Kilogramm-Grenze zu erreichen. Je näher der ominöse Termin des nächsten runden Geburtstages kam, desto klarer wurde mir – mit den prophetischen Worten meiner Zahnärztin gesprochen –, „daß da einiges auf mich zukommen würde“.

Außer ein paar dummen Assoziationen wie „sechzig – sechs – Sex? – Senior“ fiel mir auch gar nichts Witziges ein, und vor allem fehlten mir große Vorbilder. Den Fünfzigsten hatten Elizabeth Taylor und Joan Collins in allen Illustrierten in strahlender Schönheit und mit verführerischem Charme vorgeführt, aber sechzig sind sie wohl nie geworden. Da steht nur Maggie Thatcher allein auf weiter Flur, die gibt sogar den 64. während eines Parteitages bekannt – aber wer möchte schon der „Eisernen“ gleichen?

In Alarmstimmung versetzte mich, daß man mich schon ein volles Jahr vorher auf die „große Feier“ ansprach. Gott sei Dank waren dann unter den Abwesenden auch die von mir am meisten gefürchteten Gelegenheitsdichter und -sänger, denn ich konnte mir schon denken, was sie so zusammengereimt hätten (sechzig – recht prächtig – noch mächtig; Jahr – große Schar – ganz und gar – graue Haar), und die Sangesfreudigen waren vielleicht auf „Heil Dir im Silberglanz“ verfallen, wer weiß. Auf meine nächsten Familienmitglieder war insofern Verlaß, als daß sie sich nicht der örtlichen Unsitte anschließen würden, mein Konterfei nebst Jahreszahl und Glückwünschen großformatig im Lokalblättchen erscheinen zu lassen, um eine möglichst große Breitenwirkung zu erzielen.

Öffentlich wird die Sache aber dann doch, denn mit sechzig erfolgt der Eintritt in einen neuen Stand. Man gehört plötzlich, ob man es will oder nicht, zu den Senioren, und das bleibt nicht ohne Folgen. Es fängt ganz harmlos mit einigen Vergünstigungen an. Bei der Bahn kann ich mir die „Silberkarte“ holen, um billiger zu reisen. Der Verkehrsverbund druckt eigens andersfarbige Zwanziger-Kärtchen für mich, zum halben Preis! Im Schwimmbad zeige ich nur meinen Ausweis, und schon zahle ich den Preis einer Kinderkarte (dacht’ ich mir’s doch, man rückt wieder in die Nähe der Sechsjährigen). Ich hätte ja nichts gegen eine gewisse Verringerung meiner Lebenshaltungskosten, wenn sie nicht durch ständiges Vorzeigen der Berechtigungsdokumente immer wieder mit einem „Alters-Offenbarungseid“ verbunden wäre. Daran muß ich mich erst noch gewöhnen.

Eine eigene Gewerkschaft habe ich jetzt auch; in ihren monatlichen Mitteilungen bietet sie dem „lieben Rentner“ und der „lieben Rentnerin“ das traute „Du“ an und fordert sie auf, gemeinsam auf die Straße zu gehen. Eine wichtige Forderung meiner Gewerkschaft sind die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für Rentner. Ich selbst bin zwar mit Fünfpersonenhaushalt und etlichen Nebenbeschäftigungen noch voll ausgelastet, habe aber nichts dagegen, daß meine Schicksalsgenossen, besonders die männlichen, für ein geringfügiges Entgelt die Parkanlagen säubern, in Seniorenheimen als Barkeeper fungieren oder an belebten Plätzen Fahrräder verleihen. Was mich stört, ist der Widerhall in der Presse, die „Opas als Schülerlotsen“ in die Schlagzeilen bringt.