Von Vera-Maria Baehr

Diese Frau traut sich was. Mit der Leitung des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB), der größten Organisation der DDR, hat die 55jährige Annelis Kimmel zugleich riesige Probleme am Hals. Neun Millionen Mitglieder, davon fünf Millionen Frauen, will die Mutter dreier Kinder und Großmutter von sechs Enkeln in eine bessere Gewerkschafts-Zukunft führen, für den FDGB geht es dabei um Sein oder Nichtsein. Die gewaltige Mitgliederzahl erklärt sich nur daraus, daß es mit Eintritt ins Berufsleben eine Art freiwilligen Zwang gibt, der Gewerkschaft beizutreten. Sie wickelt für jeden die Sozialversicherung ab, mit der alle Arztbesuche kostenlos geregelt sind. Und sie organisiert die Mehrzahl aller Ferienreisen zu stark subventionierten Preisen. Wer nicht mit dem FDGB verreisen kann, muß beim Reisebüro Schlange stehen und viel tiefer in die Tasche greifen.

„Transmissionsriemen“ der Partei bei der Umsetzung ihrer Politik an der Basis nannte schon Lenin die Gewerkschaften, und in der DDR hielt man sich treu an diese Maxime. Doch in dieser Rolle mußte der konkurrenzlose Koloß letztlich scheitern, da die Partei an den Interessen des Volkes gründlich vorbeiregiert hat. Das war der gelernten Mechanikerin sowie studierten Maschinenbauingenieurin und Gesellschaftswissenschaftlerin wahrscheinlich bewußt, als sie bei der Amtsübernahme am Donnerstag voriger Woche mehr Eigenständigkeit für die Gewerkschaften forderte.

Frau Kimmeis Lebenslauf ist der einer makellosen Berufsrevolutionärin, sie stieg von Funktion zu Funktion auf, ohne selbst an der Basis zu arbeiten. Als Kind einer Arbeiterfamilie am 7. Juli 1934 im sächsischen Hausdorf geboren, gehört Annelis Kimmel zu den Weggefährten von Egon Krenz aus seiner Zeit an der Spitze der FDJ. Ihre ersten Aufgaben erfüllte sie in der Staatsjugend achtzehnjährig, als Erich Honecker noch FDJ-Vorsitzender war. Dann war sie als Instrukteurin des SED-Zentralkomitees in Berliner Großbetrieben mit der Aufgabe betraut, die führende Rolle der Partei auch gegenüber den ökonomisch verantwortlichen Betriebsleitern durchzusetzen. Seit zehn Jahren steht die stramme Genossin an der Spitze der Berliner Gewerkschaftsorganisation und dürfte damit, stets in der Nähe des bisherigen FDGB-Vorsitzenden Harry Tisch, mit dessen nun scharf kritisierten Arbeitsstil durchaus zu leben gelernt haben.

Mit leiser, eindringlicher Stimme kam sie in ihrer Antrittsrede vor dem Bundesvorstand im Berliner Gewerkschaftshaus auf diesen Stil zu sprechen: „Wir alle sind doch über Jahre hinweg einem bestimmten Stil verbunden gewesen. Jeder für sich ganz allein muß nun da durch.“ Frau Kimmel gehört zu jenen Spitzenfunktionären, die sich nach dem Machtwechsel an der SED-Spitze dem Volk auf der Straße stellten, sie agierte selbstbewußt und gelöst vor dem Roten Rathaus in Berlin und wurde dafür von Günter Schabowski, dem Berliner SED-Chef, das „Aushängeschild der Partei“ genannt.

Daß sie Ernst machen wird mit dem Ende von Amtsmißbrauch, Korruption und Bereicherungssucht in führenden Gewerkschaftskreisen, ist ihr wohl zuzutrauen. Jedenfalls unternahm sie erste zaghafte Schritte in diese Richtung: Das vor kurzem mit Millionenaufwand ins Zentrum Ost-Berlins geklotzte Gewerkschaftshaus will sie erstmals allen Mitgliedern öffnen, „ihren Sorgen, Nöten, Interessen, Neigungen“, wie sie es formulierte. Zwei pompöse Gästehäuser der Gewerkschaft in begehrten Urlaubsgebieten nehmen künftig auch einfache FDGB-Mitglieder als Urlauber auf. Von Leuten wie dem ehemaligen IG-Metall-Vorsitzenden Gerhard Nennstiel, der sich zum Teil aus öffentlichen Mitteln eine Zehn-Zimmer-Villa bauen ließ, trennte sie sich schmerzlos. Am Montag wandte sie sich erstmals öffentlich mit konkreten sozialen Vorstellungen an die Regierung. Sie forderte, die Vierzigstundenwoche einzuführen und ein Ministerium für Arbeit und Sozialpolitik zu schaffen.

Aber die neue Frau wird noch viel kniffligere Probleme lösen müssen. Was hat der FDGB uns in vierzig Jahren gebracht? – Darüber denken jetzt Millionen Gewerkschafter laut nach. Der DDR-Dramatiker Heiner Müller trug auf der größten nichtverordneten Massendemonstration in der Geschichte der DDR am Samstag in Berlin Forderungen einer „Initiative für unabhängige Gewerkschaften“ vor. Forderungen, die für westliche Gewerkschafter schon selbstverständlich sind: Vierzigstundenwoche – üblich sind, außer für Mütter mit mindestens zwei Kindern, immer noch 44 Wochenarbeitsstunden. Verlängerung des Urlaubs – Arbeiter in der DDR haben im Schnitt zehn Tage weniger Urlaub als ihre westlichen Kollegen. Tarifverhandlungen über Lohnerhöhungen, damit der schleichenden Inflation begegnet werden könne – bisher undenkbar in der DDR. Über allem schwebt die handfeste Drohung: Entweder verteidigt der FDGB jetzt sofort unsere Interessen gemeinsam mit den Mitgliedern, oder diese gründen ihre eigenen freien Gewerkschaften selbst. Erste Gruppen namens „Reform“ gibt es bereits in Berliner Großbetrieben.