Von Rainer Pöschl

Romantisch ist es hier nicht. Schon an der Galata-Brücke und ihren ächzend im Brackwasser dümpelnden, von einer endlosen Karawane hupender Autos, Sammeltaxis und Linienbusse gemarterten Pontons endet die Reise im touristischen GAU. Das Goldene Horn, dessen Glanz und Name Allah und der gnädigen Abendsonne zu danken sind, scheint der rechte Ort, um dem von Lärm und Abgasen betäubten Neuankömmling jene Lektion zu erteilen, die ihm der Reiseprospekt zu Hause noch schonungsvoll vorenthielt: Istanbul ist ein Moloch, der die Sinne verwirrt und an den Nerven zerrt.

Das Nächstliegende wäre, dem wüsten Getriebe den Rücken zu kehren und mit einem der schnellen Katamarane die Flucht auf die Prinzeninseln anzutreten. Eine Lösung, die zumindest die sehr Reichen unter den hitze- und streßgeplagten Stadtbewohnern durchaus vorziehen – jene Dame der Istanbuler Gesellschaft etwa, die den Sommer hier in Büyükada, den Herbst und Winter auf ihrem Landsitz in Ischia und den Frühling im Apartment in Paris zu verbringen pflegt. Eine nicht gerade gewöhnliche, aber immerhin abwechslungsreiche Art, den Unbilden der Jahreszeiten wie auch den Turbulenzen der einstigen „Perle des Orients“ zu entkommen, als die Istanbul von den Schwärmern des 19. Jahrhunderts noch gefeiert wurde. Mit solchen Hymnen auf die Idylle am Bosporus ist es wohl für immer vorbei. Eine Kutschfahrt auf der größten der Prinzeninseln bietet dem Reisenden von heute immerhin das, was er in der Stadt selbst verzweifelt vermißt und wovon er zu Hause nicht einmal zu träumen wagte: wunderschöne alte Holzvillen en masse, zwischen den Pinien das glänzende Blau des Meeres und vor allem die eine Kostbarkeit, die Istanbul sonst nirgendwo zu vergeben hat: den fehlenden Autoverkehr und somit eine unvergleichliche Ruhe und Abgeschiedenheit.

Sich auf „die Inseln“ davonzustehlen gilt freilich sowohl bei den Einwohnern wie auch unter hartgesottenen Istanbul-Fans beinahe schon als Fahnenflucht, zumindest als Feigheit vor dem Feind. Diesem solle man sich gefälligst auf seinem eigenen Territorium stellen, lautet die Devise.

Dazu bedarf es Geduld, viel List und Tücke – und zunächst einmal des Überblicks.

Dort drüben in Balat sei sie aufgewachsen, sagt die alte Dame neben mir und weist nach rechts in den Dunst über dem Goldenen Horn. Großer Gott, wie sich alles verändert hat! Sie schüttelt den Kopf, ihr Begleiter, ein Istanbuler Basari und, wie er stolz hinzufügt, Armenier von Geburt, lächelt versonnen. Vor Jahren ist sie nach Israel ausgewandert, jetzt kehrt sie zum erstenmal in ihre Geburtsstadt zurück – als Touristin. Wir lehnen uns über die Brüstung des Galata-Turms und genießen die Aussicht auf die Riesenstadt, die sich rings um uns ausbreitet. Wie von fremder Hand über die Hügel der Altstadt hingezaubert, endet die Skyline der Moscheen und Minarette am Sultanspalast. Von ferne weht das Tuten von Schiffen und das Krächzen der Muezzins herüber, die über Lautsprecher zum Abendgebet rufen. So schön wie früher sei die Stadt nur noch von hier oben, meint der Armenier mit einem Blick auf die Synagoge und die Kirchen von Beyoglu, dem alten kosmopolitischen Stadtteil Pera, unter uns.

Noch bis in die fünfziger Jahre war Istanbul eine nach ethnischen Gruppen gegliederte Metropole, in der Türken, Griechen, Armenier und Juden in ihren eigenen, auch architektonisch identifizierbaren Vierteln lebten. Heute zerfällt es vor allem in „arme“ und „reiche“ Stadtteile. Für die Villen und Bungalows an den Ufern des Bosporus und des Marmara-Meeres werden Mieten und Grundstückspreise verlangt, die selbst Hamburger Elbchaussee-Anwohner erblassen lassen würden. Von dem Armenier erfahre ich, daß über vierzig Prozent der Einwohner Istanbuls in sogenannten Gecekondus hausen, jenen „über Nacht hingestellten“ chaotischen Anhäufungen ärmlichster Notbehausungen, die in den meisten Fällen weder über Strom noch Wasserleitung oder einen Anschluß ans Abwassernetz verfügen.