erta Müller und Richard Wagner: Ihre wortkarge, in der rumänischen Diaspora kultivierte Bildersprache, erreichte den nach diätetischer Kost lechzenden westdeutschen Buchmarkt zeitgleich zur Jahreswende 198485. Schwer zu sagen, warum ihre Kurzprosa reüssierte und seine Lyrik nicht, Cherchez la femme? "Die zierliche 31jährige Blondine rumänischer Nationalität", so die Kontaktanzeige des Rheiniihrer Ankunft mit schönen Attributen und vielen Preisen ausgestattet, während das Angebot ihres Ehemannes auf keine nennenswerte Nachfrage stieß. Aus der Talk Show des ZDF sind mir die sehr blauen Augen der Autorin in lebhafter Erinnerung. So wie mir, muß es vielen politisch interessierten Voyeuren gegangen sein, seinerzeit. Wenn Frauen gut über den Sender kommen, ißt das Auge mit, und wes das Herz voll ist, des gehet der Mund über: "Wer so zu formulieren versteht", hieß es in der Frankfurter Allgemeinen vom 31. Mai 1986, "versteht nicht nur viel von Literatur, der ist wohl, wie man einst sagte: ein Dichter. In unserem Fall: eine Dichterin "

In anderen, länger zurückliegenden Fällen, erinnere ich mich, endete die schnelle Beförderung in den literarischen Hochadel mit einem Damenopfer: Brigitte Schwaiger wurde einmal für einige Zeit als Dichterin gehandelt, und Karin Struck auch. Die eine war auserkoren, die Nachfolge Ingeborg Bachmanns anzutreten, die andere sollte in der Rolle der erdnahen Matriarchin die ästhetische Barbarei der dogmatischen Linken vergessen machen. Aufgerieben zwischen labeling approacb und Monopoly vernachlässigten die beiden Erwählten mit ihren Zweitveröffentlichungen in sträflicher Weise die Annäherung an das jeweilige Etikett, durften nicht über LOS, zogen keine Stipendien ein, blieben fortan von der Lorbeerernte ausgeschlossen und wurden nach kurzem Aufenthalt im geräumigen Verdauungstrakt des Betriebes unter der Rubrik "konditionsloser Subjektivismus" auf natürlichem Wege ausgeschieden — danach waren die weiblichen Poetae laureati weg vom Bildschirm.

Dort wie hier liest manns nach Tische anders: Am 6. Februar 1988 stelltedie Frankfurter Augegestern noch gebenedeit unter den Weibern nach Erscheinen von "Barfüßiger Februar", eine letzte Warnung zu: Sie habe "den Tod allzu häufig im Munde geführt" und sich damit "gegen ein ungeschriebenes Gesetz versündigt", ihr "Zug ins Lyrische", unter den dramatischen Umständen ihrer bisherigen Existenz durchaus rühmenswert, berge beträchtliche Gefahren, die Grenze zum Kunstgewerblichen sei erreicht. Das schwankende Bild, das der geneigte Kritiker von Herta Müller entwirft, hat wie jede Erfindung etwas Zwingendes: Was sich dem Entwurf fügt, dient der Bereicherung des kritischen Selbst, was das Bild trübt, verfällt der Entwertung.

Irene, das literarische Alter ego der Herta Müller, ahnt, was ihr blüht, wenn erst die Phase der Ikonisierung vorüber ist:

"An einem Sonntagnachmittag war die Straße leer wie eine Kirche. Vor einem Toreingang spielten Kinder. Irene konnte nicht ausweichen und hatte das Gefühl, eine verbotene Stelle zu betreten. Die Kinder spielten wie stumme Figuren. Irene ging rasch. Spürte, wie ihre Wangen heiß wurden.

Nutte, sagte der Junge. Zwei Mädchen hoben ihre Puppen vor das Gesicht und lachten.

In dieser Nacht [ ] hingen an den Wänden Bilder in schwarzen Rahmen. Viele Rahmen und viel zu viele Abbildungen in einem Rahmen. Es waren Meerestiere, schwarz weiß, so dicht gedrängt, wie aufeinander losgelassen mit gezackten Scheren und gefiederten Zangen "