Ach ja, wer hat nicht alles über Venedig geschrieben: Goethe und Byron, d’Annunzio und Nietzsche – und die ungezählten Verfasser von Reisebüchern, deren Mitteilungen weniger bedeutungsvoll, deren Namen weniger berühmt sind, und die man – oft aus gutem Grund – umgehend wieder vergißt.

Mit Ausnahme von James Morris, früher als Korrespondent von Times und Guardian jahrelang in Venedig zu Hause, der ein ganz erstaunliches Buch über die stolze Serenissima verfaßt hat. Eines das – obschon vor annähernd dreißig Jahren geschrieben – überraschend jung und aktuell geblieben ist und sich von den herkömmlichen Reiseführern ebenso kraß unterscheidet wie Tintoretto von Andy Warhol.

James Morris ist ein Engländer, und so schreibt er auch: mit deren ganz eigenem Humor, also bissig und witzig, liebevoll und sarkastisch. Morris verfügt nicht nur über fundierte Kenntnisse der Stadt und ihrer wechselvollen Geschichte, er ist gleichzeitig auch ihr Liebhaber, und er bringt dem entzückten Leser beides, Fakten und Romanze, auf leichte und köstlich humorvolle Weise nahe.

Achtundzwanzig Jahre nach der Erstauflage wurde sein Buch „3 mal Venedig“ (aus dem Englischen von Hermann Stiehl und Christian Röthlingshöfer, Serie Piper, Panoramen der Welt, München 1961/1989; 22,80 DM) wiederaufgelegt. Ganz offensichtlich liebt er die Bewohner dieser Stadt und kann doch nicht umhin, sie mit seinem ihm eigenen verhaltenen Spott zu zeichnen. Es haftet ihnen, schreibt er etwa, „eine gewisse simple Arglist und Selbstgefälligkeit an, wie bei einem Menschen, der ein Vermögen gemacht hat durch leicht anrüchige Geschäfte mit Artischocken“.

Seine uneingeschränkte Sympathie haben Venedigs Katzen, die „manchmal zu viert oder fünft eine Hintergasse entlang rasen wie sanfte graue Wölfe“. Und natürlich liebt Morris die Gondeln, die „schönsten Transportmittel der Welt mit Ausnahme vielleicht des Düsenflugzeugs“. Und die Brücken, die „die Stadt zusammenklammern“ und deren „Allgegenwärtigkeit ... den Venezianern ihre gestutzte Gangart verliehen“ hat. Und den venezianischen Frühling, wenn alles „leicht, geräumig, sorgenfrei und kristallinisch“ wirkt, so als ob „die Dekorateure der Stadt ihre Farben mit Champagner gemixt und die Maurer ihrem Mörtel Lavendel zugesetzt hätten“.

Und wir, die wir dieses Buch hingerissen und ohne abzusetzen bis zum Ende durchgelesen haben, wir lieben nunmehr den Verfasser, vorbehaltlos.

Brigitte Wolter