äs Mißlichste in unserem Gewerbe — meinte einer seiner würdigsten Repräsentanten, August Wilhelm Schlegel — sei, "eine scharfe Kritik gegen ältere Zeitgenossen zu richten, die schon seit geraumer Zeit im Besitz des Beifalls und des Ruhmes" sind. So sei ihm vorgeworfen worden, er habe sich bemüht, "die wohl erworbnen Lorbeern von Wielands grauem Haupte zu reißen". Ob diese Lorbeeren nicht deshalb heruntergefallen seien — gab Schlegel zu bedenken —, weil sie schon "welk und mürbe" waren?

Nun hatte unser großer Kollege gut reden. Denn er war auf Wielands Werke nie näher eingegangen. Wie aber, wenn man einen Schriftsteller viele Jahre lang gelobt, ihm geradezu die Stange gehalten hat, seine späten Bücher jedoch arg enttäuschen oder gar gänzlich mißraten? An traurigen Beispielen ebenso aus der unfernen Vergangenheit wie aus der unmittelbaren Gegenwart mangelt es nicht. Indes macht sich heutzutage etwas bemerkbar, was man früher nicht kannte: Unsere Autoren werden, wie wir alle, glücklicherweise immer älter, aber mit dem Publizieren von dürftigen Alterswerken beginnen sie immer schneller, manch einer gleich nach seinem Debüt.

Wie dem auch sei: Peinlich ist es allemal — und besonders deshalb, weil es eben nicht die Eigenart der im vorgerückten Alter entstandenen Bücher ist, die uns häufig so viel Kummer bereitet, sondern, schlicht gesagt, deren Qualität. Es stören uns ja — etwa in den späten Theaterstücken Carl Zuckmayers, in den letzten Romanen von Anna Seghers oder Heinrich Böll — genau die gleichen Schwächen und Makel, die für diese Schriftsteller immer schon charakteristisch waren. Nur treten sie jetzt in der intensivsten Steigerung auf, während andererseits das Gute und Vortreffliche, das es uns einst ermöglichte, das Ärgerliche und Mißlungene hinzunehmen, beinahe ganz verschwunden ist.

Das aber hat zur Folge, daß wir Kritiker in Verlegenheit geraten. Die einen geben sich die größte Mühe, dem von ihnen einst gefeierten Autor die Treue zu halten, und versuchen, die Flucht nach vorn wählend, sein neues Produkt über den grünen Klee zu loben. Andere wiederum üben sich, an eine altehrwürdige Tradition der deutschen Literaturkritik anknüpfend, in der schwierigen und letztlich undankbaren Kunst, um den heißen Brei herumzureden. Doch auch fromme Lügen haben kurze Beine: Wer die Leser auf diese Weise täuscht, der schont nicht den Autor, er kränkt ihn vielmehr, indem er ihn zum Almosenempfänger degradiert.

Ebenso bedauerlich ist es, wenn der Fehlschlag dessen, den man schon als Klassiker zu behandeln gewohnt war, die Kritiker dazu verleitet, das Urteil über sein ganzes (Euvre streng und gründlich zu revidieren. Das ist in der Regel ungerecht und falsch. Gewiß, alle literarischen Werke sind vergänglich, gegen diesen natürlichen Prozeß ist kein Kraut gewachsen. Aber es ist nicht unsere Aufgabe, ihn zu beschleunigen. Denn was immer ein Schriftsteller drucken läßt, es kann schlimmstenfalls ihn selber desavouieren, doch nicht sein früheres Werk.

Und wann wird hier endlich von Dürrenmatt die Rede sein? Ach, ich spreche ja längst von ihm, dem bittersten unserer Lustspielautoren, dem heimlichen und heiteren Tragiker, dem amüsantesten Erzähler, dem witzigsten Prediger. Was wir ihm verdanken, geht auf keine helvetische Kuhhaut. Nur an die Erzählung "Die Panne" will ich erinnern, an dieses epische Gleichnis von der Schuld des Individuums, und an die tragische Komödie "Der Besuch der alten Dame", diese szenische Parabel von der korrumpierenden Wirkung des Wohlstands und von der Käuflichkeit des Menschen. Zwei Höhepunkte sind das nicht nur des Werks von Dürrenmatt, sondern zugleich — ich bin dessen sicher — unserer Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die Lorbeeren auf seiner mächtigen Glatze sind also, vorerst jedenfalls, weder welk noch mürbe. Auf ihn treffen die schönen Worte zu, mit denen der von uns allen so geliebte Prinz des königlichen Spaßmachers gedenkt, des armen Yorick: Auch Dürrenmatt ist "ein Bursche von unendlichem Humor, voll von den herrlichsten Einfallen". Auch er ist, wenngleich in einem etwas anderen Sinne, ein königlicher Spaßmacher, ein poetischer Sprengstoff Lieferant.