Eine Föderation von Bundesgenossen ungleichen Rechts" nannte der Staatsrechtler und Historiker Samuel von Pufendorf das Reich 1667, nicht ganz zwei Jahrzehnte nach dem hart erkämpften Westfälischen Frieden, der den Dreißigjährigen Krieg mit Verträgen zwischen dem Kaiser, Frankreich und Schweden beendete. Pufendorf schrieb unter dem Pseudonym eines Herrn von Monzambo aus Verona, vermutlich weil er fürchtete, sein Traktat über den Zustand des Deutschen Reiches könnte ihm Unannehmlichkeiten an der Heidelberger Universität, wo er einen Lehrstuhl für Naturrecht innehatte, und den Vorwurf mangelnder Distanz einbringen. Die kaiserliche Zensur verbot denn auch sogleich die Schrift, was ihrer Verbreitung außerhalb der Reichweite der neuen politischen Zensur, die die soeben überwundene konfessionelle ablöste, überaus zuträglich war.

Es sei erstaunlich, war zu lesen, "wie dieses Land so große Schäden überstehen konnte, obwohl dreißig Jahre lang Einheimische und Fremde an seinem Untergang gearbeitet haben". Pufendorf sah in dem "irregulären und einem Monstrum ähnlichen" Reich eine "disharmonische" Staatsform, nicht mehr Monarchie und noch nicht Föderation mehrerer Staaten.

Staatenbund oder Monarchie — der labile staatsrechtlich völkerrechtliche Zwischenzustand, wie die Verträge ihn manifestierten, erlaubte dem föderativen Element kräftige Entwicklung, ohne dem territorialen Egoismus, der nach der Lehre von Thomas Hobbes zum Krieg aller gegen alle führt, freien Lauf zu lassen. Daß ein Gelehrter von Einfluß dieser Möglichkeit reale Entscheidung abverlangte, erbitterte Kaiser und Verfechter übergeordneter Krongewalt außerordentlich. Und doch hatte Pufendorf nichts Neues gesagt, sondern nur benannt, was konfessionelle, kulturelle wirtschaftliche und mentale Veränderungen seit dem Friedensschluß nahelegten. Dabei sollte das Reich seine Funktion als zusammenhaltendes Band durchaus beweisen.

Ein "verwinkelter, unübersichtlicher, aber widerstandsfähiger Bau, dessen Dach ein Mindestmaß an Schutz und Sicherheit bot", ist das Heilige Römische Reich Deutscher Nation dem heutigen Betrachter, dem Historiker Heinz Schilling in seinen beiden Bänden in der Reihe "Das Reich und die Deutschen". Die Lebensbedingungen im vornationalstaatlichen Reich mit seinen Einzelstaaten und unterschiedlichen Völkern, Religionen, Sprachen und Mentalitäten scheinen unlösbar mit jener merkwürdig starken, gleichwohl verletzlichen, Schutz bietenden und doch mißbrauchten, von jeher mythisierten Institution Reich verknüpft. Wie Hans K. Schulze und Hartmut Boockmann in den vorauf gegangenen Bänden dieser Reihe "Deutsche Geschichte" deutlich machten, handelte es sich von Anfang an um ein höchst kompliziertes Gebilde, das — immer noch vom Lehnswesen geprägt — in seinen besten Zeiten der Existenz verschiedenartiger Völker und Interessen Rechnung trug und in den zunehmend schlechteren ein Koloß an Unbeweglichkeit war. Flickenteppich oder Großfläche scheint die Alternative immer wieder zu sein; in beiden Fällen hatten die Bewohner der staatlich gefaßten Landstriche unter herrschaftlichem Machtstreben, institutioneller Gewalt und Einschränkung ihrer Entwicklungsmöglichkeiten zu leiden.

Auf ungemein lebendige Weise führt Heinz Schilling, Professor für neuere Geschichte an der Universität Gießen, die Zeit zwischen Reformation und Französischer Revolution vor Augen. Standen bisher für diese Frühneuzeit Konfessionsgeschichte und die großen Mächte im Vordergrund, so lenkt die neuere Geschichtsschreibung den Blick auf gesellschaftliche, kulturelle und ökonomische Entwicklungen, auf Lebensform und Mentalität.

Im ersten Band geht es um die frühmoderne Staatsbildung, "die in den meisten europäischen Ländern Nationalstaatsbildung, in Deutschland dagegen Territorialstaatsbildung unter dem Dach eines vorstaatlichen Reiches war". Erzählt wird dann von den Tausenden europäischer Schiffe, die im 16. Jahrhundert den Ozean überquerten, von der Preisentwicklung auf den Märkten, von wandernden Handwerksburschen und der Erziehung eines Bauernkindes, von Buchdruck und Städtebau, Ritterturnieren und Ideenkämpfen und von Angst und Endzeiterwartung in einer Phase europäischer ökonomischer und demographischer Stagnation im 17. Jahrhundert. Luther, Calvin, Zwingli und die Theologen der katholischen Reaktion prägten auch die politischen Mentalitäten, nicht nur im calvinisch niederländischen und katholisch spanischen Einflußbereich. Die Toleranz des Kurfürsten von Brandenburg holte mit den Flüchtlingen neue Anregung ins Land, aber auch Feindseligkeiten, die die unerbittliche Konfrontation der Konfessionen und die wirtschaftliche und machtpolitische Konkurrenz verstärkten Überall neben dem, was gemeinhin "Aufschwung" und "Aufbruch" heißt, bitterste Not: Hunger, Seuchen, Auszug aus den gewohnten Lebensräumen, Bettlertum und Kriminalität. Theologen kündeten die Endzeit an, nach dem Wort des Jesaja, der weissagte, daß "in diesen letzten Zeiten die Wölfe bei den Schafen wohnen werden".

Schilling beschreibt dieses Geflecht von Einflüssen in den Herausforderungen und Spannungen, die das Alte Reich und die Entwicklung frühmoderner Staaten darstellten. Er bezeichnet die Verfassungsfrage, Reformation, Mächteeuropa und Anpassung an die frühmoderne atlantische Weltwirtschaft als kontinuierliche Begleiter. Bevölkerungswachstum und Konjunktur erscheinen im Zusammenhang europäischer Kommunikationen, die nicht zuletzt durch die türkische Herausforde rung bestimmt waren.