Aus dem Leben des legendären Luftschiffers Jean-Pierre Blanchard

Von Michael Winter

Die Absturzstelle bietet ein Bild des Grauens. Auf der Lichtung in einem unwegsamen Gelände nahe Schaffhausen liegen weit zerstreut die Trümmer der Gondel und die Fetzen der Hülle. Dem Piloten sind der rechte Arm und der Mund weggerissen, die Augenbrauen verbrannt. Der Rest seines Gesichts ist zornig verzogen. Das Horn, in das er wohl noch kurz vor dem Absturz geblasen hatte, liegt zerschmolzen neben ihm. Nach Aussagen von Augenzeugen herrschte zur Zeit des Unglücks ein Unwetter über der Gegend.

So endet Jean Pauls Luftschiffer Giannozzo. Wer dessen „Seebuch“ (in dem „komischen Anhang“ des Romans „Titan“) sorgfältig liest, kommt jedoch dem tatsächlichen Helden bald auf die Spur: Es ist Jean-Pierre Blanchard, der legendäre „Aeronaut“. Dessen Ende – wohlgemerkt erst acht Jahre nach dem Erscheinen von Jean Pauls Buch – geriet allerdings ganz anders.

Es war in Den Haag, Anfang Februar 1808. Blanchard ist damals 55 Jahre alt. Nordöstlich vom Stadtzentrum, im Park des Schlosses Huis ten Bosch, steigt er in Anwesenheit Louis Bonapartes (der vom großen Bruder gerade zum König von Holland gekrönt worden war), mit einer veralteten Montgolfiere auf. Schon in den Wolken, erleidet er einen Schlaganfall. Durch die plötzliche Lähmung kann er das Feuer auf der Heizpfanne nicht mehr schüren. Der Ballon fällt zusammen, sinkt, schneller und immer schneller. Aus zwanzig Metern Höhe stürzt er ab. Die Gondel zerschellt, Blanchard überlebt schwer verletzt. Der König tut alles, was in seiner Macht steht, um sein Leben zu retten, doch die Lähmung macht den Luftschiffer fast bewegungsunfähig. Man transportiert ihn nach Paris.

Am 7. März 1809 stirbt er. Neugierige Mediziner drängen sich um seinen Leichnam, doch die Autopsie bringt nichts. Der Luftschiffer war klein und zierlich. Er wog nur 55 Kilo – ideal für diesen Beruf, den es bis dahin noch nicht und später nicht mehr gab. Sich über andere erheben, nicht durch Körpergröße oder Geburt: „Ma gloire est mon ouvrage!“ – „Mein Ruhm ist ganz allein mein eignes Werk!“

Was blieb von dem „windigen“ Franzosen, der zwischen 1784 und 1809 Europa in Atem hielt und der mehr von sich reden machte als die meisten Wissenschaftler, Dichter, Komponisten und Politiker der Zeit? Die Gazetten des ausgehenden Ancien Regime sind voller Klatsch über ihn und auch die des Directoire und des Empire. Und doch vergaß ihn Europa so schnell, wie es einst seinen Ruhm verkündet hat. Nicht einmal über den Vornamen ist man sich heute noch einig. Die einen nennen ihn Jean-Pierre, für die andern, sogar für die Bibliotheque Nationale, heißt er Francis. Auch lassen ihn manche schon 1738 zur Welt kommen, dann allerdings hätte er seinen letzten Flug mit siebzig getan.