Von Monika Egler

Tübingen

Die katholischen Theologen in Tübingen sind heiratslustig geworden. Vor wenigen Wochen hat Harald Schweizer, Professor für „Einleitungswissenschaften Altes und Neues Testament“, eine Musiklehrerin geehelicht. Vor einem Jahr erst war der Professor für praktische Theologie, Wolfgang Bartholomäus, vor den Standesbeamten getreten. Der Kirchenrechtler Johannes Neumann hat schon 1978 geheiratet. Das junge Glück erfreut nicht jeden. Baden-Württembergs Wissenschaftsminister Helmut Engler beispielsweise beobachtet es eher verdrießlich. Mit Grund: Jedes junge Paar kostet die Landesregierung ungefähr 100 000 Mark pro Jahr.

Der Grund für Englers Verdruß heißt Zölibat. Das bedeutet: Katholische Priester dürfen nicht heiraten, auch dann nicht, wenn sie Professor sind und an der Universität lehren. Sie sollen ganz für ihre Gläubigen dasein. So steht es im kirchlichen Gesetzbuch. Aber auch katholische Priester sind Männer, die sich manchmal verlieben. So hat sie der Herrgott gemacht. Haben sie Freundinnen, so nennt man diese Frauen in der katholischen Szene „Zölibatesse“. Die Kirche duldet derlei „ungeordnete Sexualität“ – solange das Paar diskret ist. Wenn die beiden aber diese sexuelle Unordnung durch Heirat legalisieren wollen, so ist das ein Verstoß gegen das kirchliche Sittengesetz. Die Kirche entzieht solchen Sündern die kirchliche Lehrerlaubnis. Außerdem kann sie vom Staat verlangen, daß der Lehrstuhl des Jungvermählten neu besetzt wird. So steht es im Konkordat.

Das Problem für Engler ist nun, daß Theologieprofessoren Staatsbeamte sind, und diesen Status verlieren sie auch nicht, wenn ihnen der Bischof die Lehrerlaubnis entzieht. Der Wissenschaftsminister ist deshalb verpflichtet, den Herren Professoren einen neuen Job zu suchen, der ihrer Qualifikation entspricht. Neumann und Bartholomäus sind, wenn auch nicht ohne Grummeln der Fakultät, bei den Erziehungswissenschaftlern untergekommen. Hans Küng, Professor für Dogmatik und von seiner Kirche nicht wegen einer Frau, sondern wegen der Rechtgläubigkeit geschaßt, hat ein eigenes Institut für Ökumene bekommen. Mithin gibt es in Tübingen derzeit drei hochqualifizierte katholische Theologen, die aber offiziell keine Theologie lehren dürfen. Mit Schweizer zusammen sind es jetzt vier. Der zuständige Bischof von Rottenburg-Stuttgart hat ihm die Lehrerlaubnis entzogen. Also hat der Senat der Universität Tübingen wiederum einen Brief des Wissenschaftsministeriums auf dem Tisch mit der Forderung, für einen arbeitslosen Theologen eine adäquate Stelle zu finden. Wissenschaftsminister Engler spricht angesichts dieser Lage bissig von „Geisterfakultät“ und denkt laut darüber nach, ob der Staat wirklich die Kosten tragen soll für das Zölibat. Zumindest halbe-halbe sollten Staat und Kirche machen, meint man im Wissenschaftsministerium. Doch dazu müßte man das Konkordat ändern, und das dürfte Jahre dauern.

Die einfachste und schnellste Lösung wäre zweifellos, wenn die Kirche darauf verzichten würde, ihren verheirateten Priester-Professoren die Lehrerlaubnis zu entziehen. „Ein Professor wird durch seine Heirat doch nicht seiner Kompetenz beraubt“, argumentierte Bartholomäus nach seiner Eheschließung in der linkskatholischen Zeitung Publik forum. Was die wissenschaftliche Kompetenz anlangt, würde die Kirche das gewiß nicht bestreiten. Aber ihrer Ansicht nach hapert es an der Moral. Denn die meisten verheirateten Priester leben nach kirchlicher Definition im Konkubinat – sie sind nur standesamtlich getraut. Denn ehe ein Ex-Priester vor dem Pfarrer heiraten kann, muß er sich vom Papst in den Laienstand zurückversetzen lassen. Diese Prozedur, die von allen, die sich ihr unterworfen haben, als entwürdigend beschrieben wird, lehnt Schweizer ab. Außerdem ist es höchst ungewiß, ob er nach einer Laisierung seinen Lehrstuhl behalten könnte. Denn ehemalige Priester müssen sich verpflichten, nicht in der Priesterausbildung zu arbeiten, wegen des schlechten Beispiels.

So bleibt den verheirateten Priestern nichts als darauf zu hoffen, daß eines Tages das Zölibat ganz fällt und sie dann wieder als ordentliche Theologieprofessoren lehren dürfen. Theologische Gründe für die Abschaffung gibt es genug. Petrus beispielsweise, der erste Papst, hatte, laut Bibel, eine Schwiegermutter – warum also sollen die Priester von heute keine haben? Doch trotz dieses Befunds glaubt niemand, daß das Zölibat während der Amtszeit von Papst Johannes Paul II. aufgehoben wird, denn der wird nicht müde, das Zölibat zu loben, und nur selten ist er bereit, einen „gefallenen Priester“ in den Laienstand zurückzuversetzen. „Das sind tiefsitzende archaische Gedankengänge“, sagt Norbert Greinacher, Dekan der katholisch-theologischen Fakultät in Tübingen – der Gedanke nämlich, daß der Priester unrein wird, wenn er mit einer Frau schläft. „Eine unchristliche Sicht des Priesters“, sagt Greinacher und spricht davon, daß es ein Skandal sei, weil die Kirche lieber die Gemeinden ohne Priester läßt, als den Priestern das Heiraten zu erlauben.

Doch was ist, wenn der Trend zum Heiraten unter den Theologieprofessoren anhält? Das ist nicht nur ein finanzielles Problem für den Staat, das ist vor allem die Frage, ob die katholische Theologie im Interesse ihrer wissenschaftlichen Qualität einen solchen Aderlaß auf die Dauer vertragen kann. Denn Tübingen ist kein Einzelfall, auch an anderen katholisch-theologischen Fakultäten verlieren Theologieprofessoren immer wieder ihre Missio canonica, weil sie heiraten. Aber vielleicht sind die Probleme der Kleriker eine Chance für die Laien, die bisher an den katholisch-theologischen Fakultäten nach wie vor unterrepräsentiert sind? Vielleicht zieht die Kirche, wenn sie genug hat von den Querelen mit dem Liebesleben der Pfarrer, es vor, künftig sogar Frauen auf katholischen Lehrstühlen zu haben? In Tübingen deutet sich ein solcher Trend an. Dort ist der Lehrstuhl für Liturgiewissenschaft neu zu besetzen. Auf Platz eins der Berufungsliste steht eine Frau – Theresa Berger, die derzeit in den USA lehrt. Sollte sie berufen werden, wäre sie die erste Frau an einer katholisch-theologischen Fakultät im Bundesgebiet.