Von Ernst Klee

Während des Theologie-Studiums bekam ich ein "Gedenkbuch für die Blutzeugen der Bekennenden Kirche" geschenkt. Ich nahm es ehrfürchtig in die Hand. Als erster Märtyrer wird darin Friedrich Weißler aufgeführt. Was ich damals nicht wußte: Die Bekennende Kirche (BK) hatte ihn der Gestapo als Schuldigen präsentiert, sein Martyrium selbst eingeleitet. Der Nachruf im Gedenkbuch: "Er hat mit einer natürlichen Leidensscheu sehr zu kämpfen gehabt..."

Der erste Märtyrer der BK war ein "nichtarischer" Protestant, mit einer Pastorentochter verheiratet. Seine Stelle als Landgerichtsdirektor in Magdeburg hatte er als "Jude" räumen müssen. Die "Vorläufige (Kirchen-)Leitung" der BK beschäftigte Weißler deshalb in ihrem Büro als Kanzleichef. Sein Ende beginnt im Sommer 1936, als die "Vorläufige Leitung" Hitler eine strenggeheime Denkschrift schickt.

Die Denkschrift beklagt, "daß Blut, Rasse, Volkstum und Ehre den Rang von Ewigkeitswerten erhalten". Die Aufregung ist groß, als das Geheimpapier in der Auslandspresse abgedruckt wird. Das Kirchenregiment der BK bittet daraufhin die Gestapo, den Schuldigen zu ermitteln, hat aber selbst ihren Kanzleichef in Verdacht, das Dokument der Auslandspresse zugespielt zu haben (ein Verdacht, der bis heute unbewiesen ist). Weißler wird vorläufig beurlaubt, damit als Schuldiger herausgestellt. Die Gestapo verhaftet ihn kurz darauf. Als Weißler in Gestapo-Haft ist, wird er von der BK-Leitung endgültig entlassen. Er stirbt im Februar 1937 im KZ Sachsenhausen an den Folgen grausamer Mißhandlungen.

Ich habe in kirchlichen Archiven viel Zeit verbracht. Unfaßbar, daß Dokumente, die die Verfolgung der Juden ab 1933 festhalten, in Ordnern mit der Aufschrift "Judenmission" abgelegt sind. Eine persönliche Überraschung erlebte ich, als ich Aktenbestände des 1939 gegründeten (deutsch-christlichen) "Instituts zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das kirchliche Leben des deutschen Volkes" einsah: Zu den Mitarbeitern der kirchlichen "Entjudungs"-Stelle gehörte ein Mann, bei dem ich 1965 meine ersten Hebräisch-Stunden hatte.

In den Aktenbeständen stapeln sich die Briefe verzweifelter Protestanten, die aufgrund ihrer "nichtarischen" Abstammung Berufsverbot hatten, ihre ganze Existenz vernichtet sahen. Doch die "arischen" Kirchenbürokraten ließ dies in der Regel kalt. In der evangelischen Kirche wird von 1933 an lediglich diskutiert, ob der "Arierparagraph" auch innerhalb der Kirche Geltung habe. Daß der Staat das Recht habe, Juden aufgrund ihrer "Rasse" aus Amt und Beruf zu jagen, ist auch in der Bekennenden Kirche keine Frage. Zufrieden meldet die Staatspolizeistelle Bielefeld im September 1935, daß die führenden Männer der Bekenntnisfront "die Stellung des Staates zur Judenfrage grundsätzlich bejahen".

1935, im Jahre der Nürnberger Rassengesetze, verfaßt BK-Mann Siegfried Knak, Direktor der Berliner Missionsgesellschaft, ein "Wort der Mission zur Rassenfrage". Ohne Widerspruch zu ernten, verkündet er, das jüdische Volk stehe unter Gottes besonderem Gericht und bringe den Völkern Verderben. Das Judentum sei dem Christen "der Feind und der Schädling seines Volkes". Wenn sich ein Staat dieses Verderbens erwehre, tue er seine Pflicht: "Der Staat darf, wo es nottut, harte Maßnahmen nicht scheuen ... Ein Jude wird durch Taufe und Glauben nicht ein Deutscher, darum hat die Mission nichts mit der Frage zu tun, ob christliche Deutsche und christliche Juden untereinander heiraten sollen, sondern überläßt das dem Staat."