Die Kurserholung nach dem kleinen Börsenkrach vom 16. Oktober war nur von kurzer Dauer. Inzwischen geben die Aktiennotierungen wieder nach. Ausgelöst wird dieser Trend weniger durch Verkäufe als vielmehr durch einen Käuferstreik, der sich auch auf die festverzinslichen Papiere erstreckt. Angesichts der immer noch steigenden Zinsen gelten Renten nicht als Anlagealternative zu Aktien.

Immer mehr Experten gehen nämlich davon aus, daß die Zinsen noch bis ins kommende Jahr hinein steigen werden und derjenige, der sich jetzt mit Rentenwerten eindeckt, zunächst mit Kursverlusten zu rechnen hat. Kein Wunder, wenn es unter diesen Umständen schwierig ist, die jüngste Bundesanleihe mit einer Rendite von 7,09 Prozent zu placieren.

Der deutsche Aktienmarkt leidet zusätzlich unter einer Überbeanspruchung durch Kapitalerhöhungen. Hingegen sorgen die sich häufenden Börsen-Neueinführungen eher für eine Geschäftsbelebung, denn in jüngster Zeit lagen die Börsen-Einführungskurse mehr oder weniger deutlich über den Zeichnungspreisen, wodurch es immer wieder möglich war, rasch Kursgewinne zu realisieren.

Daß die Spekulationsfreudigkeit nicht ganz abhanden kam, zeigt sich auch an einer Reihe von Sonderbewegungen. Selbst wenn diese wegen der oftmals labilen Gesamtlage nicht mehr so spektakulär sind wie noch vor einigen Wochen. Papiere, bei denen Sondersituationen vermutet werden, erweisen sich aber als widerstandsfähiger als die Masse der Standardaktien, die nicht einmal mehr von Auslandskäufen profitieren.

Als spekulativer Dauerbrenner erweist sich in diesem Zusammenhang Conti. Die relativ hohen Umsätze und die erheblichen Kursschwankungen in diesem Papier lassen nach Meinung der Börsianer nur den Schluß zu, daß hier ein Aktienpaket zusammengekauft wird. In wessen Auftrag, blieb bisher ein wohlgehütetes Geheimnis. In vergleichsweise kurzer Zeit ist der Kurs von Kali-Chemie um rund hundert Mark gestiegen. Dafür sorgten Gerüchte über eine bevorstehende Abfindung der freien Aktionäre durch den Großaktionär Deutsche Solvay-Werke.

Die Ereignisse in der DDR haben den Spekulanten neue Möglichkeiten eröffnet. Aktien von Unternehmen mit ehemals großen Vermögenswerten auf dem Gebiet der DDR waren in den vergangenen Tagen begehrt. Die Kurse stiegen. Besonders betroffen waren davon die IG-Farben-Liquidationsscheine und die Restquoten der Commerzbank. K.W.