Von Janusz Tycner

Geschlossen begaben sich die knapp 280 Delegierten des Erlanger Deutschlandtages der Jungen Union auf die Suche nach Erfolgserlebnissen; sie wurden überraschend schnell fündig. Wohltuende Selbstzufriedenheit, gepaart mit einer "Hab’-ich-doch-immer-gesagt"-Stimmung, breitete sich aus, als gleich zum Auftakt der Beratungen Christoph Böhr, der aus Altersgründen scheidende JU-Bundesvorsitzende, triumphierend in den Saal rief: "Wie wurden wir belächelt, beschimpft, als wir über den Kurfürstendamm zogen und gemeinsam riefen: ‚Die Mauer muß weg.‘ " Als dann noch Meldungen über neue DDR-Flüchtlingsrekorde und eine Million friedlich demonstrierender Ostberliner die Runde machten, schien der Augenblick gekommen zu sein, an dem die Geschichte ihr gerechtes Urteil über die jungen Ritter der deutschen Einheit gesprochen hatte.

Sogar Helmut Kohl und der nach ihm mit dem Parteinachwuchs diskutierende Theo Waigel hatten einige Mühe, die gesamtdeutsche Begeisterung jener JU-Kongreßteilnehmer zu dämpfen, die am liebsten die EG-Integrationspläne zugunsten der Wiedervereinigung zurückstellen und die innerdeutsche Ministerin wegen Unfähigkeit in die Wüste schicken würden.

Abgesehen von der deutschlandpolitischen Euphorie war in Erlangen freilich keine Aufbruchsstimmung zu verspüren. Die Junge Union, der größte politische Jugendverband in der Bundesrepublik, hat wenig Anlaß zum Jubeln. Während ihre Mitgliederzahl seit 1988 um sieben Prozent auf circa 216 000 und damit auf den niedrigsten Stand seit fünfzehn Jahren zurückgegangen ist, schwankt sie wie eh und je zwischen absoluter Treue zu den Mutterparteien CDU und CSU und dem Bemühen, sich als "kritischer Begleiter" von Partei und Regierung zu profilieren. Derweil schwindet der Einfluß der Jungen im eigenen Lager. 1976 gehörten immerhin noch neunzehn Mitglieder der Bonner Fraktion der JU an; heute ist der jüngste Unionsabgeordnete 37 Jahre alt. Nicht viel besser sieht es auf Landes- und Kommunalebene aus. Zwar versuchen JU-Strategen mit Hilfe von Umweltspielen, Heilkräutergärten auf Schulhöfen und Geselligkeit gegen die allgemeine Politikverdrossenheit der jungen Generation anzukämpfen. Aber es ergeht ihnen dabei nicht besser als den Jusos und Julis. Bürgerinitiativen und Selbsthilfegruppen sind "in", die Bereitschaft, sich in die etablierte Parteienlandschaft integrieren zu lassen, ist heute bei den meisten Sechzehn- bis Dreißigjährigen nicht vorhanden. Wenn die JU schon jemanden erreicht, dann sind es überwiegend Oberschüler, Studenten oder berufstätige Jungakademiker. Arbeiter, Hauptschüler und Arbeitslose fehlen.

Der JU wird gern unterstellt, sie sei brav und angepaßt. Wer aber in dem in Erlangen verabschiedeten Thesenpapier "Jugend in Deutschland" blättert, der stößt doch auf manches Nachdenklich-Kritische zu Themen wie Umweltschutz, Familienpolitik, Zivildienst und innere Führung in der Bundeswehr. Zum anderen: Wer hört, wie lebhaft und kontrovers die CDU/CSU-Jugend über Rauschgiftbekämpfung, Umgang mit Drogensüchtigen, Ausländerfeindlichkeit und Republikaner diskutiert, der kommt nicht aus dem Staunen heraus, wie dieselben Delegierten tosenden Beifall spenden, als Helmut Kohl emphatisch verkündet: "Dieses Land ist ein phantastisches Land, ein prima Land. Ich verstehe nicht, warum alles bei uns so miesgemacht wird."

Der Wille zur Auseinandersetzung mit den beiden Mutterparteien ist bei vielen JU-Mitgliedern zwar vorhanden. Aber wenn es darauf ankommt, fehlt es ihnen doch am Mut, unfrisierte Gedanken in Worte und Taten umzusetzen. Viele sind zu unerfahren, andere machen sich schon früh Sorgen um die eigene Parteikarriere.

Zu Beginn des Deutschlandtages verkündet Christoph Böhr: "Die Wahlergebnisse der Union sind ein dramatisches Alarmsignal" und mahnt, daß "mit dem Hinweis auf Erfolge Wahlen heute nicht zu gewinnen sind". Da ist man noch unter sich. An den beiden folgenden Tagen sprechen Kohl und Waigel nur von Erfolgen, und es gibt kaum einen, der es wagt, ihnen ernsthaft zu widersprechen. Einige wenige Unbotmäßige werden von den großen Routiniers mühelos abgeschüttelt.