Ein kleines Buch — und eine große Sensation. Es ist leise, manchmal geradezu behutsam geschrieben, eher im Ton trauriger Melancholie als in dem des aggressiven Zorns, seltsamerweise manchmal distanzierend per "Er"; gerade dadurch ein document humain. Es räumt Lügen beiseite und deckt charakterliche Mogeleien auf. Wir haben es zu tun mit einem Stück Geschichte der DDR.

Der 1914 in Chemnitz geborene Walter Janka — "Du stammst aus einer wirklich proletarischen und dabei klassenbewußten und politisierten Familie", attestierte ihm Ludwig Renn noch 1955 — hat einen kommunistischen Lebenslauf, wie er im Bilderbuch steht: Vater Werkzeugschlosser und KPD Mitglied, er selber Schriftsetzer, 1933 politischer Leiter der kommunistischen Jugendverbände im Erzgebirge, Juni 1933 Gestapo Haft und KZ, 1935 nach Prag abgeschoben, Teilnahme am spanischen Freiheitskampf in den Internationalen Brigaden, drei Jahre Inhaftierung in den berüchtigten französischen Lagern St. Cyprien, Gurs, Vernet. Auf verschlungenen Wegen — Marseille, Casablanca, Havanna — ins Exil nach Mexiko, wo er schließlich den berühmten Verlag El Libro Libre mitgründete und leitete, in dem unter anderen Anna Seghers, Egon Erwin Kisch und Heinrich Mann erschienen. Seit 1951 war er Leiter des Aufbau Verlages, des bedeutendsten belletristischen Verlages der DDR, in dem nicht nur ausnahmslos alle renommierten Autoren der DDR — von Johannes R. Becher über Brecht bis Anna Seghers und Arnold Zweig — publiziert wurden, sondern auch repräsentative Ausgaben von Thomas und Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger, Leonhard Frank; marxistische Philosophen wie Ernst Bloch oder Georg Lukacs ohnehin.

Mit Lukacs begann das Verhängnis. Das Jahr 1956, in Budapest hatte sich um Lukacs, Tibor Dery und Julius Hay der Petöfi Club gebildet, der anfangs die geistigen Initiativen einer sozialistischen Erneuerung formulierte und bald zum Zentrum des "reaktionären Putsches" erklärt, mit der Verhaftung von Georg Lukacs und schließlich der Ermordung von Nagy zu Grabe getragen wurde — dieses Jahr 1956 war auch in der DDR voller Aufbruchstimmung. Intellektuelle wehrten sich gegen Zensur und behördliche Zwangsmaßnahmen — ob das nun Verlage, Zeitungen, Theater betraf. Innerhalb und außerhalb von Redaktionsstuben bildeten sich Diskussionszirkel, an denen hier der Bildhauer Gustav Seitz und dort der Lyriker Erich Arendt und anderswo Paul Wiens oder Wolfgang Harich teilnahmen. Dozenten, Maler, Architekten, Regisseure, Lektoren: keine Konterrevolution und keine "Agenten des CIA"; es war — drei Jahre nach dem 17. Juni — ein kleiner vorweggenommener "Prager Frühling", beeinflußt von Gomulkas Polen und, eben, dem (noch nicht niederkartätschten) Budapester Aufbruch. Georg Lukacs galt ja als eine Art Gottvater der marxistischen Theorie, Tibor Dery als einer der großen sozialistischen Romanciers. Stalin war tot. Aber der Stalinismus lebte.

Hier setzt das Buch ein — und räumt aaf schauerlich deutliche Weise mit der lügenhaften Entschuldigung auf, die noch bis zur Stunde so manch prominenter Dichter und Schriftsteller der DDR schamlos herumreicht: "Bei uns gab es keinen Stalinismus Und wie, bitte sehr, kam Walter Kempowski nach Bautzen, kamen Horst Bienek und Leo Bauer nach Sibirien? Das deutsche widerlich klebrige "Wir haben nichts gewußt" taucht wieder einmal auf. Eben hatte man noch in irgendeinem Privilegierten Club mit dem Chef des Deutschlandsenders (Leo Bauer) getrunken, bei ihm auch Geld verdient — nun war er halt weg. Von, sagen wir, der Ablehnung eines Nationalpreises, dem Austritt aus einer Akademie, auch nur einem Aufruf, einem Brief hat nie jemand gehört. Man war weiter Genösse, Nationalpreisträger, Pen Repräsentant auf Auslandstagungen. Zur festlichen Premiere im Deutschen Theater ging man an einem mächtigen Gefängnisblock vorbei, die Fenster mit Brettern vernagelt.

Davon — von der Unaufrichtigkeit — erzählt dieses Buch. Walter Janka wurde im Dezember 1956 verhaftet, in einem Prozeß — von dem zu berichten ist — zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt und behandelt, wie es diese Macht, die "den neuen Menschen" auf ihre Fahnen geschrieben hatte, für einen alten Kommunisten zur Verfügung hielt: "Die Zelle starrte vor Schmutz. Die Fenster waren undurchsichtig. Jahrelang nicht geputzt. Wo er hinsah, Spinnweben. Das Klappbett, die muffige Matratze, das an der Wand befestigte Tisch- und Sitzbrett, alles mit dickem Staub bedeckt. Die Luft zum Ersticken. Das Atmen wurde schwer. Was tun? Wie sollte er in diesem Dreck überleben? Ihm wurde bange. Es lagen ja noch Jahre vor ihm Die Wärter traten zurück Ihre Blicke waren eiskalt. Schließlich richtete der Staatsanwalt das Wort an den Direktor: Dieser Strafgefangene ist ein gefährlicher Intellektueller. Er hat die Partei verraten. Unseren Staat bekämpft. Er wollte die sozialistischen Errungenschaften rückgängig machen, wieder kapitalistische Verhältnisse einführen. Für die Dauer der Strafhaft ordne ich die härtesten Strafbedingungen an. Strenge Einzelhaft. Entzug aller Vergünstigungen. Nach dieser Rede trat er zurück. Der Oberleutnant nahm nun das Wort. Gleich mit scharfer Stimme sagte er: Sie haben beim Offnen der Tür die Fensterklappe zu schließen. Danach nehmen Sie unter dem Fenster Haltung an. Hände an der Hosennaht. Und dann machen Sie Meldung. Sie lautet: Herr Oberleutnant, Zelle 305 mit einem Strafgefangenen belegt. Es meldet Strafgefangener Nr. 3 58. Handelt es sich um einen anderen Dienstgrad, haben Sie diesen zu benennen. Singen, Pfeifen, Sprechen sind verboten, auch das Beschmieren der Wände. Ihren Namen dürfen Sie bei keiner Gelegenheit nennen. Hier sind Sie nur Nr. 3 58. Die Liege wird nur des Nachts benutzt. Zuwiderhandlungen werden bestraft Wenn Sie das Wort an mich richten, haben Sie mit Herr Oberleutnant zu beginnen. Haltung anzunehmen. Merken Sie sich das! Dann schlug die Tür geräuschvoll zu "

Was war vorgefallen? Walter Janka hatte im Oktober 1956 versucht, seinen Freund und Autor Georg Lukacs in Budapest zu suchen, ihn eventuell (in der Meinung, es drohe ihm Gefahr bei einem Rechts Putsch) nach Wien zu holen. Die Farce will es, daß zwei hochmögende Autoren seines Verlages ihm zu der — damals unsicher gefährlichen — Reise dringend rieten: Anna Seghers und Johannes R. Becher. Diese Passagen des Buches lesen sich wie das Drehbuch zu einem Politthriller von Jörge Semprün: Tee bei Anna Seghers und direkt durchgestellte Telephonate zum Minister; falsche Pässe, Dollars und D Mark; ein in West Berlin zugelassener Wagen des DDRKulturministers und nächtliche Telephonate mit Walter Ulbricht — der die Reise schließlich verbot. Das, ausgerechnet, diese von der berühmtesten kommunistischen Autorin der Welt initiierte und vom zuständigen Minister genehmigte, arrangierte Reise war der Hauptanklagepunkt. Die Szene in Jankas Buch liest sich wie absurdes Theater: "Zum Lukäcs Komplex verlas der Generalstaatsanwalt Melsheimer eine Rede von etwa fünfzehn Maschinenseiten. Danach war Lukäcs der geistige Vater der Konterrevolution in Ungarn. Er wollte die Volksmacht stürzen und den Kapitalismus wieder einführen. Als Sohn eines ungarischen Finanzkapitalisten habe er sich in die Arbeiterbewegung eingeschlichen, sie von innen heraus zersetzt. Die Rede endete mit dem in den Saal geschrienen Satz: Und diesen Verräter Lukacs, der schon immer ein verkappter Agent des Imperialismus in den Reihen der internationalen Arbeiterbewegung war, wollte der hier auf der Anklagebank sitzende Verräter und Feind des Ersten Deutschen Arbeiter- und Bauernstaates namens Janka, der sich wie Lukacs als Kommunist tarnte, nach Berlin holen und zum geistigen Inspirator der Konterrevolution in der DDR machen. Ausgerechnet ein Mann, der bis April 1945 sein Gehalt vom nazideutschen Justizministerium bezögen, nie einen Finger im oder für den antifaschistischen Widerstand gerührt hat, durfte Lukacs und mich als Verräter anklagen "

Und die Freunde? Wo waren die Autoren dieses Verlegers? Was taten Anna Seghers, Becher, Helene Weigel, die ihn eben noch — bei einem majestätischen "Lever" im Haus des toten Brecht — empfangen und ermutigt hatte? Wußten sie tatsächlich alle "nichts"?