Alle Welt blickt inzwischen auf Polen – die Robert-Bosch-Stiftung aber hat sich schon seit Jahren dieses Landes angenommen und bilaterale Kulturbeziehungen gepflegt. Seit 1974 hat die Stiftung unter der Ägide von Peter Payer 21,6 Millionen Mark für diesen Zweck ausgegeben. Die meisten Einzelprojekte in den Schwerpunktbereichen Information, Bildung und Wissenschaft wurden von der Stiftung nicht nur finanziert, sondern auch angeregt. Ein Musterbeispiel: Der Austausch deutscher und polnischer Schüler- und Studentengruppen, ein Unternehmen, das lange Zeit von polnischen Instanzen behindert wurde, ehe es jetzt zur Regel geworden ist.

Bei den Studienaufenthalten polnischer Wissenschaftler und Fachleute in der Bundesrepublik stehen entsprechend den polnischen Interessen die Komplexe Landwirtschaft, Ökologie und Medizin im Vordergrund. Auch polnische Verleger, Redakteure und Übersetzer deutscher Literatur waren eingeladen.

Die Seminare der Bosch-Stiftung für polnische Deutschlehrer und Hochschullektoren der deutschen Sprache, die seit 1974 in Zusammenarbeit mit den Universitäten Bochum und Tübingen veranstaltet wurden, sind inzwischen als Fortbildungsmaßnahmen von den polnischen Behörden anerkannt worden. Schließlich die „polnische Bibliothek“: Fünfzig Werke der polnischen Literatur von der Barockzeit bis zur Gegenwart, die unter der Obhut von Karl Dedecius übersetzt und von Suhrkamp verlegt werden, würden ohne die 1,2 Millionen Mark von Bosch niemals erscheinen.

Zu den Leistungen der Stiftung gehören auch die Errichtung einer Gastprofessur (Schwerpunkt Polen) an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz, die Förderung von Kongreßreisen polnischer Wissenschaftler, die Finanzierung eines Preises für polnische Übersetzer deutscher Literatur, Fachbücher-Spenden an polnische Hochschulen und Forschungseinrichtungen, die Vergabe von Stipendien für Forschungsaufenthalte polnischer Historiker und Künstler und die Förderung einer Reihe von Instituten in beiden Ländern, die dem deutsch-polnischen Kulturaustausch dienen.

Die Reise des Bundeskanzlers nach Polen ist mit der Hoffnung verbunden, daß nun endlich stabile politisch-administrative Voraussetzungen für einen intensiven Kulturaustausch zwischen beiden Staaten geschaffen werden können. Einigermaßen verwunderlich allerdings erscheint es, daß kein Vertreter der Bosch-Stiftung, die doch die Avantgarde dieser Entwicklung war und ist, eingeladen wurde, Helmut Kohl auf seiner Reise nach Polen zu begleiten.

Adelbert Reif