Von Hans Harald Bräutigam

Gesundheitsökonomen lieben eine bildhafte Sprache: Ärzteschwemme, Bettenberge und Landratsdenkmäler sind ihre Metaphern für unsere „kranken Krankenhäuser“. Und in der Tat, diese so oft gestellte Verdachtsdiagnose scheint sich für das Symptom des Bettenberges zu bestätigen. Die Diagnose „überzählige Betten“ stammt nicht von Bundesminister Norbert Blüm, sondern von sechs Sachverständigen. Die Auswahl der sechs Gutachter verrät Geschick, denn die Deutsche Krankenhausgesellschaft und der Vertrauensärztliche Dienst der Landesversicherungsanstalten konnten je drei Ärzte benennen, die sich paarweise an die Erklimmung des Bettenberges machten. Ihre Befunde bewertete der Freiburger Medizin-Informatiker Rüdiger Klar. Lieferant der Krankenhausdaten war das Institut für Gesundheitsforschung von Infratest in München. Gemeinsam haben sie jetzt ihren Forschungsbericht über den „Umfang von Fehlbelegungen in Akutkrankenhäusern bei Patienten aller Altersklassen“ vorgelegt.

Der Jurist Rudolf Grupp, Leiter der Unterabteilung Gesundheit im Bonner Arbeitsministerium, ist selbst ein wenig vom Ergebnis überrascht. „Mit der Bestätigung von Fehlbelegungen haben wir gerechnet, aber nicht erwartet, daß diese in allen Altersklassen so deutlich ist.“ Eine vorausgegangene Studie hatte bereits gezeigt, daß bei den über 60jährigen nahezu ein Fünftel aller Krankenhausbehandlungstage ärztlich nicht erforderlich war. Für Fachleute war dies keine Überraschung, denn alle wissen, daß bei mangelnder häuslicher Pflege die Alten im Akutkrankenhaus bleiben. Den Krankenhausverwaltungen ist dies nur recht, denn die hohen Kosten für die Diagnostik fallen nur zu Beginn eines Krankenhausaufenthaltes an. Da in der Bundesrepublik die Krankenhäuser nicht nach dem tatsächlichen Aufwand, sondern schlicht nach geleisteten Pflegetagen bezahlt werden, ist eine längere Verweildauer für das einzelne Krankenhaus wirtschaftlich vorteilhaft.

Die Ausdehnung dieser Studie auf Krankenhauspatienten aller Altersgruppen war daher nur folgerichtig. Das von Infratest zusammengetragene Datenmaterial, der Diagnose- und Therapie-Index (DTI), mußte sachverständig nach überflüssig erscheinenden Krankenhausbehandlungstagen überprüft werden. Der DTI enthält wichtige Daten der Krankenhausbehandlung einer repräsentativen Auswahl von Patienten. Jährlich werden etwa 6000 Fälle mit 90 000 Pflegetagen und 15 000 Diagnosen erfaßt. Die Daten liefern Ärzte von Akutkrankenhäusern, die selten wissen, was mit diesen anonymen Zahlen angefangen wird.

Eine mögliche Verzerrung durch eine „unbewußte“ Tendenz zur Vermeidung von Fehlbelegungsrückschlüssen ist daher unwahrscheinlich. Auf den ersten Blick mag es verwundern, daß die an der Untersuchung beteiligte Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) nicht das Risiko erkannt hat, daß die Studie Munition für ihre Gegner liefern könnte. Aber die DKG wollte auch die vom Sachverständigenrat der Konzertierten Aktion im Gesundheitswesen geäußerte Vermutung über Fehlbelegungen überprüfen.

Ist dieser Schuß also nach hinten losgegangen? Wolfgang Klitsch von der DKG sieht dies nicht so: „Wir sind am Ausmaß und an den Gründen für Fehlbelegungen interessiert. Die Krankenhäuser werden verantwortlich gemacht für Strukturschwächen unseres Systems.“ Tatsächlich erhalten die Krankenhäuser immer dann Zulauf, wenn der Rat vom Hausarzt nicht zu haben ist. Besonders an Wochenenden kann das schwierig sein.

Die von den Gutachtern festgestellte Schwankung von Aufnahme und Entlassung im Krankenhaus ist schon verwunderlich. Montags wird aufgenommen und entlassen. Freitags bis sonntags kommen häufig die „Notaufnahmen“, unter ihnen viele, die ihren Hausarzt nicht erreichen konnten. Die Sachverständigen hatten die Aufgabe festzustellen, ob die Behandlung ihrer ärztlichen Kollegen in den Krankenhäusern unnötig lang oder gar überflüssig war. Dies aus den trockenen Daten zu erkennen ist schwierig. Ferner mußten die Prüfärzte als Internisten oder Chirurgen Probleme haben, überlange Behandlungszeiträume in anderen Fachdisziplinen zu beurteilen. Da allerdings die meisten Patienten aus dem internen oder chirurgischen Fachbereich stammten, mag diese Fehlerquelle klein sein. Jedenfalls schränkt sie die Aussagekraft der Fehlbelegungsstudie nicht entscheidend ein.