Galilei und kein Ende: Keine Gestalt der Wissenschaftsgeschichte übt eine solche Faszination auf den naturwissenschaftlichen Laien aus wie dieser Streiter für eine neue, von der Sonne der Vernunft erleuchtete Welt und gegen eine finstere Ignoranz, die das Licht aus der Mitte des Kosmos nicht sehen will und statt dessen glaubt, selber diese Mitte zu sein. Verkörpert, so scheint es, ist diese Ignoranz in der gegenreformatorischen Kirche, die ihren Widersacher nicht etwa mit Argumenten, sondern mit dem Machtanspruch eines Kirchengerichtes in die von ihr selbst gesetzten Schranken verwies.

Wenn auch in der historischen Wirklichkeit Licht und Dunkel gleichmäßiger verteilt waren, so bleibt die Tatsache, daß es Schranken gab, und es bleibt die Frage, wie sie gezogen waren und was sich in ihnen tat, kurz, worum es in dem berühmten Galilei Prozeß von 1633 eigentlich ging. Bisher waren sich die Wissenschaftshistoriker jenseits aller Wertungen darin einig, daß Galilei letztlich wegen seiner Propagierung des kopernikanischen Weltbildes angeklagt und verurteilt wurde. Bereits 1616 war er vor den Jesuiten Kardinal Bellarmin zitiert worden, der ihm klargemacht hatte, daß es gefährlich sei, private Bibelexegese zu treiben, um unbewiesene, aber das Weltgefühl des Menschen zutiefst berührende Kosmologien zu stützen, und der ihm strikt verboten hatte, solche Kosmologien ohne Autorisierung durch die Kirche als wahr auszugeben. Jeder, der Galileis berühmtestes Buch, den "Dialogo" von 1632, gelesen hat, weiß, daß Galilei dieses Verbot hinter einem dünnen Schleier salvatorischen Geredes schlicht übertreten hatte. Und das, nicht mehr und nicht weniger, wurde ihm zum Verhängnis, egal, ob ihm, wie vor Gericht behauptet wurde, eine geheime Zusatzanordnung jede Aussage über Kopernikus verboten hatte oder nicht.

Aber ging es wirklich um nicht mehr und um nichts anderes? Um viel mehr, meint der italienische Wissenschaftshistoriker Pietro Redondi, es ging um verschwiegene Intrigen, es ging um Jesuitenhaß, und es ging um das Sakrament des Abendmahls. Aber das Schweigen ist gebrochen, die Intrigen sind ans Licht gezogen, ein unvermutet von Redondi entdecktes Papier ohne Datum und Unterschrift sagt es uns klar: Nicht Galileis Kosmologie, seine Materietheorie ist es, die ihn zu Fall gebracht hat!

Das von Redondi entdeckte Dokument nämlich — es stammt aus dem Archiv des Heiligen Offiziums, das heißt, der Inquisitionsbehörde — bezichtigt Galilei indirekt der Häresie, habe er doch im "Saggiatore" von 1623, einer Streitschrift gegen den Jesuiten Orazio Grassi, in der es hauptsächlich um eine übrigens falsche Kometentheorie Galileis ging, eine Korpuskulartheorie der Materie vertreten, die mit der im Trienter Konzil festgeschriebenen Deutung der Eucharistie unvereinbar sei. In Trient war, um es sehr vereinfacht zu sagen, die Auffassung bekräftigt worden, daß nach der Konsekration von Brot und Wein deren äußere Eigenschaften erhalten bleiben, obwohl ihre inneren Substanzen nicht mehr existieren und durch Leib und Blut Christi ersetzt sind. Eigenschaften können also für sich bestehen und beweisen eben dadurch ihre Realität. Galilei dagegen meinte, Eigenschaften wie Geschmack, Geruch und so weiter seien subjektive Eindrücke, die im Menschen selbst hervorgerufen würden, und zwar durch Korpuskelströme, die von außen in den Körper eindringen.

Obwohl auf die so anonyme wie informelle "Denunziation" nie eine offizielle Reakton erfolgt ist, erhebt Redondi seinen Fund zum Hauptindiz einer veritablen cloak and dagger story. Wir erleben ein dicht mit Akteuren besetztes Intrigentheater an der Piazza del Gesü, wo die Jesuiten ihr Hauptquartier hatten, und am Hofe des BarberiniPapstes Urban VIII, der übrigens dem berühmten Physiker "und offiziellen Wissenschaftler des Katholizismus" zunächst sehr wohlgesonnen war. Nach der Papstwahl 1623 hatten die Jesuiten einen schweren Stand. Von Galileis spitzer Feder fühlten sie sich, von recht respektablen Ausnahmen abgesehen, genauso gepeinigt wie von der laxen Politik des Papstes, der mit den "liberalen" Franzosen paktierte und Front machte gegen die orthodoxen Großmächte Spanien und das Reich. Dabei konnten sie als geistige Speerspitze der Gegenreformation gelten, stammten doch die modernsten Naturphilosophen und die gewandtesten Theologen aus ihren Reihen.

Nun aber schien Galilei, gedeckt durch den Papst und die einflußreiche "Accademia del Lincei", sie lächerlich zu machen. Und der Papst schien sie von ihrem Wächteramt der reinen Lehre zu verdrängen. Zu den Kernbestandteilen dieser Lehre aber gehörte das katholische Abendmahlsverständnis. Und also, so Redondi, konnten nur die Jesuiten, konnte nur Grassi, der 1626 auch öffentlich gegen Galileis Massentheorie auftrat, die "Anzeige" geschrieben haben, dies vermutlich schon 1624. Und also warteten die Jesuiten, nachdem die "Denunziation" keinen Erfolg gehabt hatte, weiter auf ihre Chance.

Die kam dann 1632. Sie traf den Papst in einer Periode politischer Schwäche. Die Macht des Katholizismus nördlich der Alpen schien kurz vor dem Zusammenbruch zu stehen, und der Vatikan selbst hatte als Verbündeter der mit den schwedischen Ketzern verbündeten Franzosen dazu beigetragen. Angesichts der Drohungen seiner Gegner im Kardinalskollegium mußte der Papst einen Rückzieher machen, er mußte sich sichtbar von gefährlichen Anhängern lösen, er mußte Zeichen der Standfestigkeit in der Verteidigung des Glaubens geben. Für beides kam Galilei gerade recht and nicht nur das: Paradoxerweise mußte er geopfert werden, um nicht geopfert werden zu müssen. Redondi unterstellt, daß Urban VIII seinen "offiziellen Wissenschaftler" aus dem Verkehr gezogen lat, um — wegen der leidigen Eucharistiefrage — schlimmeres zu verhüten.