Von Robert Leicht

Der Weg nach Damaskus ist heute die beliebteste Straße in der DDR. Viele haben die benotigten Papiere in der Tasche, um die Wende zu vollziehen und die Kurve zu nehmen. Naturlich wird auf dieser Chaussee das zuständige Standesamt aufgesucht, für das Umschreiben vom alten Saul in den neuen Paul. Für das Bleiben an der Macht ist kein dorniger Weg zu weit.

Rosemarie Schuder, Der Weg nach Damaskus

Meißen, Anfang November

Ausgerechnet in den Tagen, da Deutschland-Ost und Deutschland-West sich näher zu sein scheinen als je zuvor, unterscheiden sich die Stimmung und die Selbsteinschätzung in den beiden Gesellschaften besonders auffällig. Wir im Westen sehen den Aufbruch, addieren die sensationellen Veränderungen und halten den Reformprozeß in der DDR folgerichtig für unaufhaltsam. Die Menschen dort empfinden offenbar noch lange keinen Optimismus. Was ist Traum, was Wirklichkeit? Und wann, so fragen viele, bricht alles als Alp über uns herein?

Was auch immer westliche Beobachter als unerhörte Zugeständnisse der SED-Führung verzeichnen, als Zeichen des ernsthaften Wandels der Regierenden – bei den Regierten verschärft die galoppierende Konzessionsbereitschaft das Mißtrauen nur noch mehr. "Vor drei Wochen noch", so beginnen viele Sätze im Gespräch. "In der sozialistischen Schule ist bis vor drei Wochen die Jugendweihe als verpflichtend gepredigt worden." – "Vor drei Wochen hieß es noch mit den Worten des Friedrich Engels: Freiheit ist nur Einsicht in die Notwendigkeit." All denen, die dies berichten, kommt es so vor, als kehre sich die Zeitenfolge um: Die Vergangenheit ist Wirklichkeit, die Gegenwart Schein. Eine Frau faßt ihre Erlebnisse in einem Satz zusammen: "Ich traue weniger von Tag zu Tag dem, was uns angeboten wird."

Die abgrundtiefe Vertrauenskrise kann niemanden verwundern, soweit sie den herrschenden Kommunisten der Einheitspartei gilt – nach all der "Verwahrlosung und Veruntreuung unseres Landes durch die Regierenden". "Wie können wir jemals wieder denen vertrauen, die uns vier Jahrzehnte lang belogen haben?" – "Die SED hat Kreide gefressen, sie legt sogar den Schafspelz an." – "Die Partei versucht zu beschwichtigen, aber bei der ersten Gelegenheit..." Der letzte Satz bleibt unvollendet, als solle das Undenkbare nicht gedacht werden. Wie die Schriftstellerin Rosemarie Schuder es in einem hektographierten Text formuliert hat, den viele Bürger, zusammen mit all den Manifesten und Resolutionen in einem Schnellhefter bei sich tragen, halten auch sie die SED für schlechterdings unbekehrbar.