Von Ross Terrill

BOSTON. – Ein kluger Chinese, inzwischen von seinem Regierungsamt pensioniert, erklärte mir kürzlich das Auf und Ab der Demokratie-Bewegung in China so: Das Volk habe den alten Deng unterschätzt und der alte Deng das Volk.

Wenige Stunden vor dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens sah ich in einem Pekinger Hotel zwei Transparente hängen, deren Slogans wie Signale aus einer anderen Welt erschienen: „Erhaltet den sozialistischen Weg!“ und „Kämpft entschlossen gegen die bürgerliche Freiheit!“ Draußen auf den Straßen bezeugten gerade die Studenten – mit der Unterstützung von Millionen von Chinesen – ihrer Regierung, daß der Sozialismus gescheitert sei und die bürgerliche Freiheit nichts anderes ist als eben Freiheit.

Die chinesische Führung schien den Kontakt mit dem Volk verloren zu haben wie seinerzeit Imelda Marcos mit ihren 3000 Paar Schuhen. Die alten Männer der Partei schienen der Realität ebenso entrückt wie einst die Romanows, die noch Stunden vor ihrer Erschießung in St. Petersburg einem Streichquartett lauschten.

Inzwischen ist die Kluft zwischen der Realität und der Einstellung der Führung so groß geworden, daß eines schon jetzt feststeht: Die Krise, die China nach Deng Xiaoping bevorsteht, wird tiefgreifend sein, offen ausgetragen werden und viele Gefahren in sich bergen.

Eine Zeitlang waren die herausragenden Themen der Dissidenten-Kritik der Antibürokratismus – wie in den nachdenklichen, kühlen Essays von Liu Binyan – und der romantische Individualismus der jungen Dichter des Untergrunds. Beides war erfrischend, aber als Vehikel für Systemveränderungen ungeeignet. Die Bürokratismus-Kritik war zu begrenzt, die jungen Träumer waren zu apolitisch.

Nach dem Massaker ist das anders geworden. Chinesen aller Altersgruppen haben eine bittere Lektion gelernt. Anstatt wie früher nur den Rücktritt des einen oder anderen Versagers in der Führung zu fordern, werden sie das nächste Mal auf das System insgesamt abzielen. Sie haben erfahren, daß weder der Bürokratismus überwunden, noch das Individuum wirklich frei werden kann, solange die Kommunisten Macht und Wahrheit monopolisieren.