Von Nina Grunenberg

Die Chefs sind gewohnt zu rechnen. Wenn sie ihren Stundenlohn zugrunde legen, finden sie es wirtschaftlicher, sich Nebensächlichkeiten von anderen abnehmen zu lassen. In ihren Augen ist deshalb nur folgerichtig, daß ihre Stäbe sie auf Händen tragen. Von den Sekretärinnen und Büroleitern, den Direktionsassistenten und Pressereferenten, den Fahrern, Butlern und Sicherheitsbeamten, nicht gerechnet die Schar der selbsternannten Koffer- und Schleppenträger, wird erwartet, daß sie dem Chef alles aus dem Wege räumen, was ihn davon abhalten könnte, seine Tage "netto" in das Unternehmen zu investieren und sich auf das zu konzentrieren, wofür er bestellt ist: der Entwicklung durch seinen Willen Richtung zu geben.

Nerven braucht der Chef erst, wenn die Logistik ausfällt und er vor Hunger schreien könnte – so wie Edzard Reuter an einem Sommertag auf dem Flughafen von Madrid. Keine zwanzig Stunden hatte sein Besuch in der spanischen Hauptstadt gedauert. Aber was von ihm verlangt worden war, hatte er erledigt: am Vorabend einem Kreis spanischer Industrieller Rede und Antwort über die Zukunft des Automobils gestanden; am Morgen beim König zur Audienz gewesen und versucht, sich dessen detailliertem Interesse für die Sportwagen von Daimler-Benz gewachsen zu zeigen; anschließend Diskussion mit Ministerpräsident Felipe González, der sich nach dem Konzernumbau von Daimler-Benz erkundigen wollte, über europäische Industriepolitik. Zwischendurch reichte die Zeit noch für einen Abstecher ins Museum, um einen schnellen Blick auf die "schwarze Periode" der spanischen Malerei zu werfen. Fünfzehn Uhr: Rückflug nach Stuttgart. Dort wollte Reuter sich um siebzehn Uhr von seinem Büro die Post vom Tage geben lassen und nach Bonn weiterfliegen. Am Abend stand noch ein Termin mit einem Regierungsmitglied auf seinem "Laufzettel".

Seitdem sich herumgesprochen hat, daß Daimler-Benz – nicht irgendein Großunternehmen, sondern das Flaggschiff der deutschen Industrie – einen Strukturwandel ansteuert, in dessen Verlauf die Automobilfirma zu einem Technologiekonzern verbreitert werden soll, ist Edzard Reuter in den europäischen Hauptstädten zu einem gefragten Gesprächspartner der Regierungen geworden. Der Italiener Benedetti mag mit seinen europäischen Unternehmensstrategien mehr Furore gemacht haben, aber die Veränderungen bei Daimler-Benz wiegen psychologisch schwerer. Was von Reuter und in seinem Haus vorgedacht worden ist, hat auch in anderen Ländern inzwischen den Anstoß zu wirtschaftsstrategischen Überlegungen gegeben.

Aber mit seiner Madrider Stippvisite hatte Reuter auch interne Public Relations gemacht. Beim Abschied auf dem Flughafen ließ er den Präsidenten und den Vorstandsvorsitzenden der spanischen Tochtergesellschaft von Daimler-Benz als zufriedene Menschen zurück. Von den protokollarischen Ehren, mit denen ihr Chef empfangen wurde, haben sie auf dem spanischen Markt den Geltungsnutzen.

Als schließlich die letzte Hand geschüttelt und das allerletzte Dankeswort gesprochen war, hatte Edzard Reuter nur noch eines – Hunger, schrecklichen Hunger, aber nichts zu essen. Im Gedränge der Termine war das Mittagessen ausgefallen, gefrühstückt hatte er nicht, und die versprochene Wegzehrung aus dem Pappkarton war nicht zu finden. In komischer Verzweiflung kroch der Mann, von dem gesagt wird, er habe ein neues Kapitel in der deutschen Industriegeschichte zu schreiben angefangen, durch den kleinen Jet und wühlte die Schapps und Schubladen durch, verfolgt von den flehentlichen Augen seines Informationsdirektors Matthias Kleinen, der ebenfalls Nervennahrung brauchte. Alles, was sich finden ließ, waren eine Thermosflasche mit einem Schluck kalten Kaffees vom Tag zuvor, eine angebrochene Packung Kekse und ein paar Bonbons zum Knacken. Das war’s, und jeder bekam seinen gerechten Teil davon ab.

Die Journalisten haben immer eine Schwäche für Edzard Reuter gehabt – nicht nur, weil er zugänglich war und Offenheit für ihn im unmittelbaren Unternehmensinteresse lag. Seine Selbstironie, seine geistige Unabhängigkeit und sein politischer Weitblick machten ihn in der Wirtschaft zu einem Paradiesvogel, für den die Zeitungsleute anfällig waren – anders als die entscheidenden Personen auf der Eigentümerseite von Daimler-Benz, die sehr viel länger brauchten, bis sie einräumten, daß um Edzard Reuter nicht herumzukommen war.