Von Martin Ahrends

Warum geht das alles so rasant da drüben? Weil es so über-überfällig ist. Warum geht es so heiter, so humoristisch, beinahe selbstironisch zu? Weil die "historische Wende" im Jahre 89 nicht mehr sein kann als ihr eigener Nachzügler. Das Neue Denken – man hat es seit Jahren parat; nun wird es öffentlich, man braucht nur "umzuschalten". Was Glasnost ist, weiß man längst, eine letzte morsche Barriere fällt, und Glasnost ist da, aus dem Stand, und schon selbstverständlich.

Was man privatim längst wußte, nun kann man es laut sagen; neu daran ist nur der Klang der eigenen Stimme im öffentlichen Raum; dieser Klang allerdings ist so neu und so aufregend, daß man sich ab und zu in den Arm kneifen muß: Nein, kein Traum, man ist wach, besonders wach sogar. Verwirrend überwach; ein merkwürdiges Gefühl der Irrealität stellt sich auch ein, wenn man jetzt die Fernseh-Nachrichten der DDR verfolgt. Das Kollektiv der Aktuellen Kamera hat auf Glasnost umgeschaltet. Es ist noch derselbe einlullende Vorspann, diese Feierabendmusik, süß wie Kirschlikör, die prächtigen Bilder aus der Heimat: Glanzpostkarten mit alten Burgen und Schlössern. Es ist noch dasselbe verbindliche Lächeln der Ansager, derselbe mütterlich gütige Ton, in welchem vordem die Heldentaten der Werktätigen und ihrer revolutionären Vorhut offeriert wurden wie ein Hochzeitsmenü.

Statt Analyse Beschwichtigung

Doch was den netten Sprechern nun so selbstverständlich von der Lippe springt – jeder einzelne Satz hätte ihnen ein paar Wochen früher ein Strafverfahren beschert. Berichtet wird über die Demonstrationen allenthalben im Lande (die Berliner Demonstration vom letzten Wochenende wurde live übertragen). Berichtet wird von Aussprachen, die in den Betrieben und Rathäusern zur wirtschaftlichen und politischen Erneuerung geführt werden. Berichtet wird über die Vorbereitung eines neuen Mediengesetzes, eines neuen Wahlgesetzes, einer neuen Reiseverordnung. Von Rücktritten (nicht etwa Ablösungen) wird häufig berichtet: aus persönlichen oder Altersgründen. Und ohne Kommentar zu etwaigen Fehlern der Zurückgetretenen. "Fehler-Diskussion" ist in Parteikreisen verpönt. Anders die "Selbstkritik", die ist sogar erwünscht. Ein Sprecher der SED-Kreisleitung des Fernsehfunks verlas nüchtern-sachlich, als beträfe es nicht auch ihn selbst, in der Nachrichtensendung eine Erklärung seiner Partei, worin alle Bürger der DDR um Entschuldigung gebeten werden für eine von dirigistischen Eingriffen bestimmte Berichterstattung. Man konstatiert "mit tiefer Betroffenheit" (wie es in den Kirchen-Papieren immer so schön heißt) die Mitverantwortung am Vertrauensverlust der Partei- und Staatsführung.

Außerdem wird gemeldet: daß sich irgendein Freidenkerverband für Behinderte einsetzt, daß irgendeine Religionsgemeinschaft "Christliche Wissenschaft" neugegründet wurde, nachdem man sie vor ein paar Jahrzehnten verboten hatte. Ach, und Umweltminister Reichelt sagt noch schnell, daß nun alles anders wird mit der Luft und dem Wasser und daß es künftighin sogar Smogwarnungen geben werde. Die Berichterstattung hat sich auf die allbekannten Reizthemen eingestellt, und zwar in einer Weise, daß ihnen ihr Reiz genommen wird. Über die Erledigung der öffentlich gewordenen Mißstände wird berichtet, nicht über ihre Ursachen, ihr Außmaß, ihre Folgen. Statt Analyse Beschwichtigung: Darüber wird nun auch ganz offen geredet, soll meinen: Daran wird nun auch ganz intensiv gearbeitet, soll heißen: Das haben wir im Griff. Und gegenüber der Humboldt-Universität gibt es jetzt sogar eine Ausstellung mit amerikanischen Büchern!

Gezeigt werden soll, daß man allenthalben die richtigen Schlußfolgerungen zieht. Mehr: daß die Partei der Arbeiterklasse sich an die Spitze der neuen Volksbewegung gestellt hat, daß die Reformen bei ihr in besten Händen sind. Aber Glasnost läßt sich schlecht vortäuschen, dieses neue DDR-Fernsehen wirkt nicht nur wie ein widerwilliges Zugeständnis in einer beinahe verlorenen Schlacht, auch der Aufbruch, der draußen stattfindet, die Freude, die Erleichterung, die große Erwartung haben hier und da schon auf die Medienmacher abgefärbt.