Anfang 1917 kam es im Elternhaus von Gershom Scholem am Mittagstisch zu einem handfesten Familienkrach. Aus seinen Jugenderinnerungen "Von Berlin nach Jerusalem" wissen wir, daß der Vater, Arthur Scholem, ein gutsituierter Berliner Druckereibesitzer, in einem Wutanfall seinen jüngsten Sohn aus dem Haus warf. Anlaß waren einmal die zionistischen Aktivitäten seines Sohnes, die er zutiefst mißbilligte, sowie die von den Behörden übermittelte Nachricht, daß dessen Bruder Werner verhaftet worden war und wegen Landesverrats vor ein Kriegsgericht gestellt werden sollte. Der Vater, ein durch und durch assimilierter Jude, deutsch bis in die Knochen, wurde wütend, als Gershom seinen Bruder Werner mit vorsichtigen Worten in Schutz zu nehmen versuchte "Sozialdemokratie und Zionismus", schrie er — "alles dasselbe, deutschfeindliche Umtriebe, die er in seinem Haus nicht weiter dulden werde". Der Brief, mit dem der Vater dem neunzehnjährigen Sohn mitteilte, daß er sich entschlossen habe, für ihn nicht mehr zu sorgen, und diesen ultimativ aufforderte, die elterliche Wohnung zu verlassen, eröffnet den Briefwechsel Betty Scholem — Gershom Scholem:

Mutter und Sohn im Briefwechsel 1917 1946 herausgegeben von Itta Shedletzky in Verbindung mit Thomas Sparr; Verlag C H. Beck, München 1989; 579 S, 58 - DM, der mehr ist als nur die Dokumentation einer intensiven Beziehung zwischen einer klugen und weltzugewandten Mutter und einem Sohn, der schon in jungen Lebensjahren im Ruf stand, ein bedeutender Gelehrter und Kabbala Forscher zu sein. Die rund 300 abgedruckten Briefe, die Betty Scholem und ihr Sohn Gershom sich in drei Jahrzehnten schrieben, spiegeln nicht nur die typischen Auseinandersetzungen einer Berliner großbürgerlichen jüdischen Familie wider, sondern vor dem Hintergrund der heraufziehenden Katastrophe auch eine bildungsbürgerliche Kultur, die, durch die Nazis zerstört, heute wohl unwiderruflich dahin ist.

Es ist sicher so, daß das allgemeine Interesse an diesem Briefwechsel dem prominenten Sohn gelten wird, was aber ungerecht wäre, denn die Briefe Betty Scholems sind die eigentliche Entdekkung. Die Briefe des Sohnes fallen dagegen fast schon etwas ab. Im Vergleich zu den Briefen der Mutter wirken sie vielfach sogar blaß, was vermutlich damit zusammenhängt, daß er ihr nur das mitteilte, von dem er glaubte, daß es sie wirklich interessieren würde. Zur politischen Entwicklung in Deutschland äußerte er sich kaum. Wahrscheinlich übte er eine Art Selbstzensur, weil er befürchtete, daß insbesondere die aus Jerusalem nach 1933 geschriebenen Briefe von der Gestapo mitgelesen würden. Dafür spricht eine Bemerkung in einem an die Mutter gerichteten Brief: "Uns juckt es natürlich immer noch deutlicher zu schreiben, aber wir unterlassen es mit Rücksicht auf den Empfänger "

Immerhin erfahren wir aus seinen Briefen doch einiges zu seiner Studienzeit, insbesondere Einzelheiten von dem Prozeß der Selbstjudaisierung, von dem wir bisher nur aus den "Jugenderinnerungen" wissen. Sehr bezeichnend ist zum Beispiel eine Bemerkung, die er im November 1919 der Mutter gegenüber machte "Was wird Gerhard Scholem? Nu? Zuerst wird er Gerschom Scholem Von seinen Studien schreibt er relativ wenig, mehr von den Problemen, die er mit Zimmerwirtinnen und der Wäsche hat. Meistens sind es Fragen des Alltags, die ihn beschäftigen. Er äußert Wünsche, von denen er meint, daß seine Mutter sie ihm erfüllen könne. Nebensächlich, aber motivisch die Briefe durchziehend, ist zum Beispiel sein Verlangen nach Lübecker Marzipan, für das er einen regelrechten Heißhunger entwickelt. Während des Studiums in München, später aus Jerusalem mahnt er die Mutter wiederholt, nicht zu vergessen, ihm dieses zuzuschicken. Ein anderer, ebenfalls beiläufiger Sachverhalt, aber zur Abrundung seines Persönlichkeitsbildes durchaus interessant, ist seine Vorliebe für Katzen. Hin und wieder ist in den Briefen die Rede von den Katzen in seinem Hause, von "Bilar" und deren Sohn "Semhurisch". Beiden hatte er Namen gegeben, die seinen kabbalistischen Studien entstammten. Gershom Scholem war sich der literarischen Qualität der Briefe seiner Mutter durchaus bewußt. Im Alter hat er wiederholt den Wunsch geäußert, die "großartigen Briefe" der Mutter zu veröffentlichen. Aus der vorliegenden Edition geht hervor, daß er schon in jungen Jahren an sie appellierte, daß er sie, wie es im Familienjargon hieß, "gedrämmelt" hat, Memoiren zu schreiben. Das erste Mal war es Ende 1923, kurz nach seiner Übersiedlung nach Jerusalem Überliefert sind nur ihre Antworten: "Habe ich etwa Zeit Memoiren zu schreiben? Abgesehen davon, daß einige Zeitund Vorzeit Genossen schlecht wegkämen, gebricht es mir denn je an Zeit" (22. Januar 1924). Und einige Monate später: "Du redest von Memoiren! Das ist schwieriger getan als man denkt. So oft ich mir überlege, ob ich wohl mal anfinge, die Familiengeschichte zu schreiben, so oft sehe ich ein, daß es nicht geht. Und das eigene Geheimfach kann man doch schon gar nicht öffnen. Och, höre ich ferne Enkel ausrufen, so war die Olle inwendig tapeziert?!" (22. September 1924) Der Vater, mit dem er sich nach dem großen Krach mehr schlecht als recht arrangiert hatte, war sehr distanziert gegenüber den hebraistischen und kabbalistischen Studien des Sohnes "Hebraica und Judaica in allen Ehren", schrieb er ihm, "aber nicht als Lebensaufgabe! Glaube mir, Du erleidest schweren Schiffbruch (3. Dezember 1921). Praktisch denkend, wie er dies als Kaufmann gewohnt war, hielt er die Studien des Sohnes für Extravaganzen, für brotlose Künste, ein Urteil, an dem er bis zu seinem Tod 1925 festgehalten hat. Vielleicht hätte er seine ablehnende Haltung geändert, wenn er dessen ehrenvolle Berufung auf eine Professur an der Hebräischen Universität noch erlebt hätte. Wer weiß? Der Sohn hat damit jedenfalls nicht gerechnet. Die skeptischen Äußerungen in seinen "Jugenderinnerungen" besagen eigentlich alles.

Bei der Mutter war es anders. Sie hielt von Anfang an zu ihrem Sohn, war von seinem Talent überzeugt, bestärkte ihn in seinen Arbeiten und steckte ihm während seines Studiums Geld zu. Zahllos sind die Briefe, aus denen hervorgeht, daß sie ihm bei seinen Buchbestellungen half, ihm Artikel zuschickte, die sie in Zeitungen und Zeitschriften fand und von denen sie meinte, sie würden ihn interessieren — und nur ganz selten klingt die Sorge der Mutter durch, ob der Sohn später von diesen Studien wird leben können "Hoffentlich", heißt es in einem Brief, "spinnst Du Dein kabbalistisches Garn nicht umsonst u und bloß ehrenhalber für den Steinbruch, he?" (22. Januar 1924) Die Briefe der Mutter, im Ton berlinisch, manchmal von einer sympathischen Schnoddrigkeit, die der Sohn ganz offensichtlich von ihr geerbt hat, spiegeln auch die allgemeinen politischen Zeitereignisse wider. So findet man neben einem Bericht über eine Schießerei, in die sie während der Novemberereignisse 1918 geriet ("na, ich habe aber Beine gemacht!"), auch kritische Bemerkungen zu den Vorgängen auf den Straßen:

"Es ist wahrhaft trostlos. Vor einigen Tagen haben die Spartakus ein Blutbad in der Chausseestr. angerichtet, wofür sie natürlich die Verantwortung abwälzen wollen. Sie fahren mit Maschinengewehren spazieren u die schwache Regierung läßt sie ihnen!! Flugblätter werden verteilt, die zur Judenhetze auffordern, sie kommen von den Rechtsparteien, die den Zorn des Volkes ablenken wollen, der alte geschichtliche Kniff" (11. Dezember 1918).

Als die Inflation das alles beherrschende Thema wird, schreibt sie über die Schwierigkeiten, die die Familien Firma hat, um die Beschäftigten zu bezahlen, aber auch über die Probleme des täglichen Lebens: "Der Lohn dieser Woche beträgt 8 Milliarden, es sind aber heute schon Verhandlungsschmuse, weil die Arbeiter das Doppelte verlangen. Die Brotkarte ist aufgehoben, ein Einheitsbrot heute 540 Millionen, morgen gewiß wieder das doppelte. Die Lektrische 20 Mill (morgen 50 Millionen!) Ach Gott, Du hast wahrscheinlich keinen Schimmer mehr von diesem Millionen Hexen Sabbath (15. Oktober 1923).