Von Matthias Naß

Nun, da das "Reich des Bösen" an Schrecken verliert, wendet sich in den Vereinigten Staaten die Aufmerksamkeit einem anderen Gegner zu, der eigentlich ein Verbündeter ist. Einer Umfrage zufolge halten 68 Prozent der Amerikaner die von Japan ausgehende wirtschaftliche Gefahr für größer als die militärische Bedrohung durch die Sowjetunion. Das läßt aufhorchen und erklärt, warum in Washington das Buch eines holländischen Journalisten zum Bestseller geworden ist, dessen Botschaft lautet: Der Westen versteht Japan nicht. Er täuscht sich, wenn er meint, Japan werde sich je an die Spielregeln des freien Welthandels halten. Jeder Appell, Japan möge seinen Markt der Konkurrenz öffnen, bleibt in den Wind gesprochen. Tokio wird sich allein entschlossenem politischen Druck beugen.

Karel van Wolferen, Tokio-Korrespondent der Tageszeitung NRC Handelsblad, lebt seit 1962 in Japan. Seine Autorität als einer der besten Kenner des Landes ist unbestritten. Die Schockwellen, die sein voluminöses Werk (dessen englischer Titel "The Enigma of Japanese Power" viel treffender ist) in Japan ausgelöst hat, kamen nicht ganz unerwartet. Schon vor drei Jahren hatte er in dem Aufsatz "The Japan Problem" (Foreign Affairs, Winter 1986/87) die Kernthesen seines Buches vorweggenommen. Mit zwei "Fiktionen" wollte van Wolferen aufräumen: mit dem Glauben, Japan sei eine parlamentarische Demokratie nach westlichem Muster, und mit der Annahme, das Land praktiziere eine freie Marktwirtschaft, so wie sie in Amerika und in Europa verstanden wird.

In seinem Buch tritt van Wolferen nun die Beweisführung für seine vorab veröffentlichten Thesen an, mit Akribie und Angriffslust. Japan und Amerika, behauptet er, befänden sich mitten im Wirtschaftskrieg. Und er stellt die Frage: Was treibt das japanische Volk an? Warum riskiert es mit seiner Exportbesessenheit die Feindschaft der Welt? Van Wolferens verblüffende Antwort: weil es keine verantwortliche Zentralgewalt gibt, die Japans außenpolitische Interessen definieren und die für ihr Verhalten zur Rechenschaft gezogen werden kann. Das "System", das in Japan den Staat ersetze, sei "steuerlos". Niemand kontrolliere es wirklich, weder die Industrie noch die Bürokratie, nicht die Regierung und die sie tragende Liberaldemokratische Partei (LDP), und schon gar nicht das Parlament.

Macht in Japan definiert van Wolferen als das Ergebnis "politischer Arrangements", die in ihren Wurzeln drei Jahrhunderte zurückreichen. Mit subtiler Kontrolle gelinge es Japans Machthabern, den "Verwaltern" des Systems, das Interesse des einzelnen dem vorrangigen Ziel der ständigen Machtexpansion Japans unterzuordnen, von der vor allem die Verwalter selber profitieren. Diese "Betreiber eines tatsächlich gigantischen Kontrollmechanismus" rekrutierten sich aus einer engen Elite, in der Regel aus den Absolventen der juristischen Fakultät der Universität Tokio. Ihre inoffiziellen Beziehungen bestimmten letztlich das Geschick der Nation:

"Die Bürokraten halten die LDP an der Regierung, indem sie die Öffentlichkeit mit Subventionen und öffentlichen Investitionen kaufen. Die LDP-Parlamentarier halten die Bürokraten im Amt, indem sie stillhalten und nicht den kleinsten Versuch unternehmen, die Politik des Industriewachstums zu ändern, die direkt nach dem Krieg aufkam. LDP und Bürokraten halten die Geschäftsleute im Geschäft, indem sie ihre Geschäfte vor ausländischer Konkurrenz schützen und ihre expansionistischen Programme unterschreiben."

Unerbittlich und überzeugend seziert van Wolferen die verborgenen Strukturen des japanischen Machtapparats. In Teilen allerdings wirkt seine Darstellung überholt. Japan befindet sich in einer Phase des gesellschaftlichen Umbruchs. Es ist eben nicht mehr so, wie van Wolferen behauptet, daß Bürger und Medien die Korruption als "zum System gehörig" akzeptieren. Dies zeigte der Recruit-Bestechungsskandal, der zu einer verheerenden Niederlage der Liberaldemokraten bei den Oberhauswahlen im Juli führte. Und auch die "reine Männerwelt" gerät immer mehr ins Wanken. Die überaus erfolgreiche "Madonna-Strategie" der Sozialisten unter ihrer energischen Vorsitzenden Takako Doi hat bewiesen, daß Japans Frauen selbstbewußt auf politische Mitsprache pochen.