Am Brandenburger Tor. Ecke Unter den Linden / Otto-Grotewohl-Straße. Kein Geschichtsgefühl. Von "drüben" betrachtet, wenn man auf der Straße des 17. Juni steht, sieht das Tor martialisch und furchterregend aus, ein Mahnmal des Kalten Krieges. Von hier aus wirkt es nur noch lächerlich und grotesk. Wilhelminischer Geschichtskitsch. "Du mußt nur die Laufrichtung ändern." So werden aus deutschen Symbolen deutsche Dekorationen. Aber ich könne mir gar nicht vorstellen, was es bedeute, jahrzehntelang immer von dieser Seite aus das Brandenburger Tor zu betrachten, sagt U. am nächsten Tag zu mir. Nein, das kann ich nicht. "Welch eine Wendung durch Gottes Fügung", stand auf diesem Tor, als es eingeweiht wurde. Das sollte das Motto der Abrißbirne sein, die es irgendwann zertrümmern wird.

Freitag, 3. November. Der "Vortag", der noch keiner ist. A. hat mich am Bahnhof Friedrichstraße abgeholt. Wir gehen Unter den Linden (wo sind die Linden?) entlang zum Pariser Platz, bis zu den Absperrgittern, wo es nicht mehr weitergeht. Um die Ecke parkt ein russischer Reisebus. Die Stadt hört hier einfach auf, die Häuserzeilen brechen ab wie an einem Hafen, einer Kaimauer, und drüben ist keine Stadt zu sehen, nur Bäume, Büsche und Asphalt, ein Reich der Abgeschiedenen. Die sozialistische Welt ist eine Scheibe, ihre Ränder stoßen ans Nichts. Jenseits des Tores haasen die Dämonen. So sieht es hier aus. In Wahrheit stecken die Dämonen in dem Tor.

Am Samstag morgen wird die Volkspolizei der DDR das Brandenburger Tor abriegeln, aus Angst vor Übergriffen, Rangeleien, vielleicht Toten und Verletzten. Aber die grünen Kolonnen warten umsonst. Vor dem Palast der Republik biegt der Demonstrationszug ab, zurück ins Zentrum der Stadt. Die Mauer zerspringt nicht am Brandenburger Tor, sondern mitten auf dem Alexanderplatz.

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Nachdem es uns nicht gelungen ist, an der Staatsgrenze in deutsch-deutsche Grübeleien zu versinken, gehe ich mit A. in ein Café. Auf dem Weg fällt mir auf, daß die Ostberliner Autonummern alle mit einem "I" beginnen. Das seien, erklärt A., die alten Kürzel der Berliner Stadtbezirke, unverändert seit der Kaiserzeit. Sozialistische Autos mit reichsdeutschen Kennzeichen: Da ist es, das Geschichtsgefühl.

Die Fußgängerampeln in der DDR sind kleine Wunder des sozialistischen Realismus. Das grüne Männchen stellt den werktätigen Staatsbürger dar, der mit großen Schritten, den einen Arm vorgestreckt, den anderen um die Arbeitstasche gelegt, zum volkseigenen Betrieb eilt. Das rote Männchen zeigt den Volkspolizisten, der mit ausgebreiteten Armen die Ordnung wiederherstellt. So lernt man noch am harmlosesten Detail, wie man sich bewegen soll. Wie müßiggängerisch wirken dagegen die Ampelmännchen des Kapitalismus! Lauter Nichtsnutze, Spaziergänger, Freizeitmenschen.