in "Zeitalter der Bruchstücke" — so klagte eine berühmte Autorin: Lediglich "ein paar Strophen, ein paar Seiten, ein Kapitel hier und dort, der Anfang eines Romans, das Ende von jenem" seien dem Besten irgendeines anderen Jahrhunderts an die Seite zu stellen. Und weiter: "Können wir in die Nachwelt eintreten mit einem Bündel loser Seiten oder die Leser jener Tage bitten, mit der ganzen Literatur vor sich, unsere riesigen Schutthaufen um unserer kleinen Perlen willen zu durchsieben?"

Die Klage ist alt: Virginia Woolf äußerte sie zu Beginn unseres Jahrhunderts, in einer Zeit also, als die wichtigen literarischen Werke der Moderne gerade im Entstehen begriffen waren. Die Klage über die miserable Literatur der Saison, über den künstlerischen Niedergang der Epoche gehört zum guten Ton, seit über Literatur gesprochen wird — vor allem unter Schriftstellern.

Die Klage ist alt und immer wieder neu: die Gegenwartsliteratur — ein Schutthaufen "Eine Provinzliteratur haben wir heute", ließ Thomas Bernhard noch in seinem letzten Roman (mit dem programmatischen Titel "Auslöschung") verkünden. Ein junger Lyriker, Gerhard Falkner, wagte unlängst die Behauptung: "Neue deutsche Literatur zu lesen ist der gleiche Unfug, wie italienische Schuhe zu kaufen. Das hält ja alles bloß ein paar Monate Schriftsteller dürfen so lästern — auch über Schuhe aus Italien.

Aber müssen die Kritiker ihnen alles glauben? Es grassiert derzeit wieder mächtig, das Gerede von der untauglichen deutschen Gegenwartsliteratur: Landauf, landab ist in den Zeitungen zu lesen, sie habe sich "auf das Klagenfurt Niveau" eingependelt, die Texte würden sich gleichen "wie ein Ei dem anderen". Und in der Fernsehsendung Frankfurter Buchmesse — die deutsche Literatur dieses Herbstes gleich in Serie abserviert: als "unselbständig", "reaktionär", "schauderhaft", "läppisch" (so die Bewertung einzelner Bücher). Freilich ist es praktisch, auch schneidig, mit einer großen Armbewegung alles abzuräumen: All die angeblätterten, angelesenen Bücher — wer will sie schon? Wer hat nicht gern die Ausrede, das alles sei doch Mist, die Kritiker hätten es ja selbst gesagt?

Daß ein in jeder Hinsicht aufregendes Buch wie die erotische Erzählung "Kongreß" von Botho Strauß in einer Runde von Kritikern nicht einmal für eine Diskussion gut sein soll, will mir nicht in den Kopf. Die neuen Romane von Jürg Federspiel ("Geographie der Lust"), Wolfgang Hilbig ("Eine Übertragung"), Edgar Hilsenrath ("Das Märchen vom letzten Gedanken"), Ingomar von Kieseritzky ("Anatomie für Künstler") — sie sollen nicht einmal einer Erwähnung wert sein? Herbstnovitäten deutscher Sprache: Die knappen Proststücke eines Erich Hackl ("Abschied von Sidonie"), Peter Handke ("Versuch über die Müdigkeit") oder Thomas Hürlimann ("Das Gartenhaus") — es herrscht kein Mangel an empfehlenswerten Büchern.

Ein Zeitalter der Bruchstücke: Das ist, wenn es nicht als Vorwurf verstanden wird, gar keine unzutreffende Kennzeichnung. Die deutsche Literitur hat derzeit (übrigens in den siebziger Jahren schon) vor allem "kleine Perlen" zu bieten, Splitter, Prosabrocken, Erzählungen, Novellen. Wenn größere Texte geschrieben werden, dann kaum, um ein gesellschaftliches Panorama zu entfalten:

Aus einem Kopf heraus wird erzählt, eine Suaca ergießt sich, ein einziger endloser Redestrom.