Abgefahren

Hamburg-Veddel, 22.30 Uhr. Ein S-Bahnhof in der Weltstadt mit Hafen. Der erste Eindruck: öde, wie überall, also bekannt und vertraut.

Vom Wilhelmsburger Platz die Stufen hochkommend, lese ich an der automatischen Anzeige etwas von „Kurzzug“. Rote Buchstaben, warum? Zum Grübeln bleibt keine Zeit. Der Zug fährt ein – hält irgendwo in der Mitte des Bahnsteigs. Fern, fern vom Treppenaufgang und mir.

Ich aste, gut sichtbar, wie ich meine, und deutlich bemüht, diesen Zug zu erreichen, über den beinah menschenleeren Bahnsteig, die Arme mit Gepäck behängt, die Augen geradeaus – da bleiben meine Ohren, auf der Hälfte der Strecke, stehen. Ein zögerlich freundliches, höflich computerisiertes, immerhin weibliches: „Zurückbleiben, bitte!“ verhallt. Der Zug fährt an, und wirklich auch an mir vorbei.

Das Führerhaus schien noch besetzt zu sein; ein dunkler Schatten jedenfalls zeichnete sich ab hinter dem Glas. Kein vollständiger Geisterzug, wenn auch die Gestalt hinter der Scheibe zu einer menschlichen Regung nicht mehr in der Lage ist. Statist, bestenfalls; das Programm wird woanders inszeniert.

Bis zum nächsten Zug vergehen gesellige zwanzig Minuten, für Abwechslung auf dem leeren Bahnsteig ist dankenswerterweise gesorgt. Wahlweise kann mit dem Numerieren der Neonröhren begonnen werden oder dem Versuch, mit der Notrufsäule zu plaudern. Auch sie automatisch, versteht sich, womöglich ebenfalls weiblich beschallt und garantiert so fehl am Platz wie jede menschliche Regung an diesem Ort.

Bubblegum

Die Erfindung des Kaugummis wurde, wie allgemein bekannt, in den USA gemacht. Nur – von wem? Wer erfand diese kleine zähe Masse, mit der sich Kinder wie Erwachsene für Stunden das Mäulchen stopfen lassen? Kauen, um nichts zu tun. Nur: kauen und kauen und kauen. Hinter dieser Erfindung, die in ihrem Ewigkeitsanspruch der Erfindung des Reißverschlusses gleicht, steckt ein philosophischer Kopf, steckt der Gedanke an den Wert des Nichts. Dagegen sind die Japaner („Zeit ist Geld“, altes japanisches Sprichwort) oft amerikanischer als die Amerikaner. Auch das Kaugummikauen muß in Japan zu etwas führen. Die Firma Shokuhin hat unlängst ein Kaugummi vorgestellt, das nach kurzer Kaudauer Streß oder Wohlbefinden durch Veränderung der Farbe anzeigt, dpa war dabei und kaute mit: „Die Kaugummis, wahlweise mit Pfefferminz- oder Kräutergeschmack, wechseln in den ersten drei Minuten im Mund von Grün auf Gelb und auf Rosa.“ Bleibt Grün trotz unermüdlichen Kauens auch nach vier Minuten, ist der kauende Japaner „müde“. Bei Gelb geht es wieder aufwärts mit der Leistungskurve bis Rosa: voll einsatzfähig. Wie das möglich ist, weiß dpa auch: „Substanzen im Kaugummi reagieren auf den pH-Wert der Spucke.“ Ist ja klar.