Bürgermeister Voscherau hat der SPD-Linken den Kampf angesagt

Von Matthias Naß

Hamburg, im November

Ein Blick in die Morgenzeitung genügte, um Henning Voscherau das Wochenende gründlich zu verderben. Hamburgs Erster Bürgermeister konnte nicht fassen, was er da in einem Welt-Interview las: "Interessant für die politische Kultur in Hamburg fände ich allerdings auch eine Ampel-Koalition – die Kombination aus sozialdemokratischer Sozialpolitik, grüner Umweltpolitik und liberaler Rechtspolitik." Unbekümmert hatte die SPD-Landesvorsitzende Traute Müller zu Protokoll gegeben, was nicht nur ihr als attraktives politisches Modell erscheint. Aber für Henning Voscherau lieferte sie nur ein weiteres Beispiel strategischer Unbedarftheit, schrieb sie doch ohne Not eineinhalb Jahre vor der nächsten Bürgerschaftswahl die Mehrheitsfähigkeit der Hamburger Sozialdemokraten ab. Seit langem schon erbittern die Alleingänge der Parteichefin den Bürgermeister. Für ihn steht deshalb fest: Die Landesvorsitzende muß weg.

Wieder einmal fliegen nun in der Hamburger SPD die Fetzen. Die Genossen, seit Jahrzehnten auf die Macht im Rathaus abonniert, geben sich erneut mit Lust ihrer Lieblingsbeschäftigung hin: Sie konspirieren und intrigieren gegen den innerparteilichen Gegner. Aus der Aussöhnung, die sich Rechte und Linke nach dem spektakulären Rücktritt Klaus von Dohnanyis im Frühjahr 1988 versprochen hatten, ist nichts geworden.

Der Nachfolger Dohnanyis wollte seiner Partei ein neues "Wir-Gefühl" vermitteln. Aus Gründen des Proporzes hatte der vormalige "Häuptling" des Mitte-Rechts-Lagers (Voscherau über sich selbst) der Parteilinken freie Hand bei der Nominierung des Landesvorsitzenden gelassen. Daß der linke Flügel dann ausgerechnet die ehemalige stellvertretende Juso-Bundesvorsitzende und Stamokap-Anhängerin Traute Müller präsentierte, ließ Voscherau und seine Freunde zwar kräftig schlucken, aber sie nahmen es hin. Ein Landesparteitag wählte die Sozialpädagogin mit großer Mehrheit. Willkommener Nebeneffekt: Die Hamburger stellten damals als erster Landesverband eine Frau an die Spitze. Die Genossen an der Elbe marschierten im Trend.

Soll dies alles nicht mehr gelten? fragen jetzt viele Parteimitglieder irritiert, die den Krach zwischen dem Rathaus und der Parteizentrale im Kurt-Schumacher-Haus nicht begreifen. "Mit Traute Müller steht eine Frau an der Spitze der Hamburger Partei, die Inhalte und Politikformen vertritt, die Fraueninteressen aufnehmen", erklärte die Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen (AsF) und zeigte sich "empört" über die "öffentliche Herabsetzung und Demontage der Landesvorsitzenden Traute Müller selbst kündigte frühzeitig ihre erneute Kandidatur auf dem Landesparteitag am Freitag dieser Woche an. Hinter dem Streit um ihre Person wittert sie einen Kampf um die Macht: "Der Mitte-Rechts-Flügel will zeigen, wer Herr im Hause ist."