1s Aristokratin und Sozialdemokratin, als geschiedene Gräfin und Geliebte eines Arbeiterführers hätte Sophie von Hatzfeld das Zeug, Heldin eines Trivialromans zu sein. Statt dessen spielte sie eine kleine und bescheidene Rolle in der Historiographie der Revolutionen: als die Geldgeberin des ADAV, des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, den ihr früh verstorbener Freund, Ferdinand Lassalle, 1863 gegründet hat. Freilich schätzen sie die Geschichtsschreiber, nicht anders als schon ihre Zeitgenossen, als Marx, Engels und Liebknecht, als eine eher dubiose Figur ein, die mit viel Geld viel Verwirrung gestiftet hat.

Christiane Kling Mathey hat in ihrer Biographie mit positivistischer Detailtreue jeden Schritt der Gräfin aus den Quellen erforscht. Am Ende des Buches weiß der Leser alles, was die Nachwelt über Sophie von Hatzfeld überhaupt wissen kann — die Frau selbst hat er leider nicht kennengelernt.

Schon die erste spektakuläre Phase im Leben der Gräfin, ihr Scheidungsprozeß, ist im Buch von Kling Mathey ein Intrigenspiel mit Figuren, nicht mit Individuen. Die siebzehnjährige Prinzessin Sophie war 1822 "aus Familienräson" ihrem Cousin, dem Grafen Hatzfeld, vermählt worden. Ihr Widerstand gegen diese Ehe gewann Kraft, als sie 1846 Ferdinand Lassalle kennenlernte. Dieser führte sieben Jahre hindurch den Prozeß für die Freundin, brachte es dahin, daß 1851 die Ehe geschieden wurde und daß 1854 ein finanzieller Ausgleich zwischen den Partnern die Gräfin steinreich machte.

Beide Parteien führten einen würdelosen Rechtsstreit, sie bestachen Bediente, schickten Spione aus, ließen Schmähschriften drucken, der Gatte eine in Paris, die Gräfin eine in Düsseldorf, raubten sich gegenseitig Indizienmaterial und machten so ihr Ehedrama für die deutsche Hautevolee zu einem Leckerbissen des Tratsches. Betrachtet man nur die äußeren Ereignisse, so scheint in diesem Streit die eine Figur so schäbig zu sein wie die andere, Edmund von Hatzfeld, der Gatte, ist ein Intrigant, Sophie von Hatzfeld ist es nicht minder. Die Publizität des Falles aber nutzt vor allem Ferdinand Lassalle. Nun scheint Sophie von Hatzfeld schon vor ihrer Bekanntschaft mit dem jungen Politiker die unzähmbare Widerspenstige gewesen zu sein, die Familie und Gesellschaft fortwährend brüskierte. Die Biographie jedoch vermag es nicht, die eigene Energie dieser Frau anschaulich zu machen. Letztlich kann ja doch jede Lebensbeschreibung nur Sinn haben als ein Beitrag zur inneren Geschichte des Menschen, nicht zur Chronologie der äußeren Verhältnisse. Die Autorin setzt sich eigentlich demselben Vorwurf aus, den sie ihren männlichen Kollegen macht: Sie selbst schildert nämlich auch nichts anderes als den Hahnenkampf zweier Männer, der die Frau allemal in den Schatten stellt. Nur die Subjektivität der Sophie von Hatzfeld hätte überhaupt Gewicht haben können gegen die Machenschaften der Männer.

Bei Christiane Kling Mathey also tritt an die Stelle des Portraits einer Frau, die zwischen Konvention und Emanzipation schwankt, die minuziöse Darstellung der Fehde zwischen dem adeligen Standesherrn und dem bürgerlichen Intellektuellen. Lassalle kommt das spektakuläre Ereignis gerade gelegen: Er verwandelt den gesellschaftlichen Skandal in einen politischen Schauprozeß. Die Niederlage der Revolution von 1848 verschlechtert zwar die Erfolgschancen. Lassalle aber gelang es endlich, die Fünfzigjährige nach acht Prozeßjahren aus einer vierundzwanzigjährigen Ehe zu befreien. Das Faszinosum, das Sophie von Hatzfeld für Lassalle gewesen sein muß, damit er Verfolgung und Gefängnis für sie riskierte, sollte zumindest — und wird es leider nicht — als sozialgeschichtliches Phänomen analysiert werden. Sophie von Hatzfeld fügt den Ideen einer proletarischen Zukunft den schönen Schein der alten Welt hinzu. Sie inszenierte das politische Programm Lassalles als Volkstheater. Kling Mathey referiert das folgende Gerücht: "Im Mai 1852 berichtet man nach Berlin über ein lukullisches Gelage, das die Gräfin für eine Anzahl von Proletariern veranstaltet und bei dem sie zum Schluß erklärt haben soll, so könnten jene es alle Tage haben, wenn nur die Güter der Erde gleichmäßig verteilt wären " Sophie von Hatzfeld inthronisiert Lassalle als Souverän des Proletariats.

v, ,,, Beide reisen durch Europa, ihre Unterkunft ist immer feudal, ihr Auftritt immer pompös. Die Gräfin macht die grand tour, aber nicht zu ihresgleichen, sondern zur Oberschicht der Revolution, zu Mazzini und Garibaldi. Unversehens geht die Internationalität des adeligen Lebens in eine kommunistische Internationale über.

Die Männer wie Marx, Engels, Vahlteich oder Eduard Bernstein warfen Sophie von Hatzfeld Hinterlist, Herrschsucht und Borniertheit vor, als sie nach Lassalles Tod versuchte, die Nachfolge im ADAV zu bestimmen.