Anmerkungen aus Anlaß der Möblierung der Kunst

Von Elke von RadziewskyNichts zieht mehr, keine vor Notenpanier tanzenden Goldfische, keine alten Container. Die Leute wollen was Brauchbares, wenigstens eine kleine Suggestion davon. Kriegen sie auch. Der englische Maler Howard Hodgkin, hat er es notig, zimmerte Apfelsinenkistengestühl für den Londoner Galeristen Zeef Aram, Allen Jones bastelte ihm Stehlampe und Stuhl im neuen Jones-Stil; Objekte, die weit entfernt sind von Jones’ zynischen Möbeln, die er Ende der sechziger Jahre entworfen hat: Porno-Ladies als Fauteuil-Unterfutter oder Tischgestell. Die Firma Memphis-Design läßt unter dem Decknamen "Metamemphis" populäre Zeitkünstler von Sandro Chia, Joseph Kosuth bis Lawrence Weiner aufmarschieren, um Mobiliar zu entwerfen.

Was ist noch Kunst? Was längst Design? Plötzlich finden wir Oswald Oberhuber, den österreichischen Informel- und Konzeptkünstler, in einer nationalen Kunstpromotion-Schau ("Land in Sicht") unter der Rubrik "Design" wieder. Da erfindet er kafkaeske Möbel, Formen, die an Knochen, Innereien denken lassen, zerdehnt, von artistischen Kräften aus der Schwerkraft gezogen, organisch verkrümmtes Einrichtungswerk, metabolistisch verwandeltes Instrumentarium. Ein Tisch ruht auf blank gebohnertem Gebein, eine Tischplatte zeigt ein Puzzlewerk von Teilen, die an Gedärm erinnern. Verfremdung des Bekannten, Irritation des Gewohnten – ästhetische Allgemeinplatze. Von daher nichts Neues. Der Konzeptkunstler zeichnet nur, die Holzarbeiten stammen von dem Tischler Leopold Schramböck.

Seltsames passiert im Verlauf der Kunstgeschichte. Nach jahrtausendelangem Abbilden des Menschen in der Skulptur, nach Jahrzehnten abstrakter Werkstücke stehen wir nun in Ausstellungsräumen vor zweckentfremdetem, reduziertem Mobiliar. Wie Geister scheinen sich die Menschen davongemacht zu haben. Zurück bleibt eine Welt, stumm, leer, doch nur für sie gedacht.

Ein machtiger Stuhl, fast ein Thron aus Holz und gummiertem Haar von Richard Artschwager; ein nacktes weißes Bett von Robert Gober; Artdeco-üppige Stellwände, "Laura-Street" von Mark Chaimowicz: In der Rotunde der Frankfurter Ausstellungshalle Schirn strahlte der Charme neuer Design-Galerien. Ein typischer Ausschnitt aktueller Kunst am Ende der achtziger Jahre. "Prospect 89" zeigte es uns im Frühjahr. Von Jan Hoets Ausstellung "Chambres d’amis" (Gent 1988) bis "Einleuchten" (Hamburg 1989) tauchen mit Variationen stets die gleichen Künstlernamen auf. Oberhuber gehört schon länger dazu, Richard Artschwager und Jan Vercruysse ebenso. Franz West mit seinen Eisenstücken ist seit neuestem in den Club der Möbel-Simulanten aufgenommen.

Schwarzbraune Kasten, Fächer, türlos, leer und schrankhoch. Ein Tischchen, klein und niedrig an die Seite gedrückt. Ein Bord, dunkel an die Wand geheftet, Stehpult, Kabinett: deutlich vom Möbel hergeleitete Strukturen, streng, stets im gleichen Holz, in gleicher Wandstärke, fast monumental ausgeführt. Stucke wie sinistre Eminenzen, offensichtlich nicht zum Gebrauch gedacht, sondern abweisend und geheimnisvoll. Jan Vercruysse (Arbeiten des belgischen Künstlers waren bei "Prospect 89", in "Zeitlos" und "Open mind" zu sehen, und auch bei "Einleuchten" ist er wieder dabei) entwirft "Grabinventare", nennt seine Arbeiten "Tombeaux", spielt mit der Unnahbarkeit der Formen. Kein Gebrauch, kein Sinn, Ratsei ohne Lösung. "Atopie" und "Eventail" heißen sie auch. L’art pour l’art mal anders: plastisch gewordene Essays über Kunsttheorie, über die Abstraktion in der Kunst sind das. "Kunst ist nicht nutzlich", Sol Lewitt sagt es wie ungezählte andere. Er entwarf Serien von Quader-Strukturen, entwarf auch Tische, karge, entfernt an den geometrischen Jugendstil Josef Hoffmanns erinnernd, mit denen er sicher nicht die Kunst ins Leben überfuhren wollte. Die autonome formale Ordnung interessierte diesen Lehrer des klaren, analytischen Sehens. Ein heute überholter Standpunkt? Bei Vercruysse hat sich die Klarheit in eine geheimnisumwitterte Mehrdeutigkeit aufgelöst. "Dialektik der Aufklärung"? Nein, danke! Das ist eine Kunst, die hervorgegangen ist aus der Mesalliance von tugendreinen Kunstideen und den unterhaltsameren Illusionskünsten. Ein Bastard also. Kunst ist für Jan Vercruysse nicht didaktisch, will nicht erziehen, nicht Strukturen vorrechnen, sie ist hermetisch, mysteriös: Das klar zu machen ist Aufgabe seiner Stücke. Und es gelingt, weil die praktische Funktion, Schrank zu sein, Bilderrahmen oder Sekretär, so dicht dran und zugleich so in seinen Skulpturen abwesend ist.

Späten europäischen Ruhm findet in dem-Jahrzehnt des Kunst-Designs Richard Artschwager. Ein Pop-Veteran. Aber einer, der eigentlich nie im Mittelfeld spielte, einer, der eher eine Randfigur war. "Hübsche Kastenmöbel", ein "Pop-Einfall", mehr Worte hat Lucy Lippard für ihn in ihrer Pop-Monographie nicht übrig. Schon vor dem in die banalen Dinge verliebten Claes Oldenburg hatte Artschwager diese kantigen Stuhl- und Tisch-Attrappen hergestellt, die Oldenburgs Wohnbühne bevölkern.