Von Fredy Gsteiger

Breitbeinig steht der Soldat auf felsigem Grund, das Gewehr im Anschlag, das Bajonett aufgepflanzt. Im Hintergrund erheben sich schneebedeckte Gipfel. Über ihnen ziehen sich dräuende Wolken zusammen.

Mit dieser Kameraeinstellung könnte ein Werbefilm des Schweizer Armeefilmdienstes beginnen: Gefahr droht! Doch wachsam und wehrhaft blicken wir ihr ins Auge – die Botschaft, welche die Schweizer Verteidigungsarmee übermitteln will. Das Bild ziert allerdings die Titelseite eines Buches, das gleichzeitig die Ernsthaftigkeit der Bedrohung wie den Sinn der helvetischen Wehrhaftigkeit in Frage stellt. Auch wenn der Buchtitel vortäuscht, es werde die traditionelle Meinung vertreten – für Aufsehen ist alleweil gesorgt, wenn sich zwischen Boden- und Genfer See ein „linker Autor“ wie Markus Heiniger, Redaktor der Friedenszeitung, des Themas Schweizer Armee im Zweiten Weltkrieg annimmt. Zumal die Eidgenossen dieser Tage überaus heftig darüber streiten, ob sie am letzten Novemberwochenende an der Urne ihre Armee gleich ganz abschaffen wollen.

So weit wird es nicht kommen. Doch seit Meinungsumfragen deutliche Vorbehalte vor allem jüngerer Schweizer gegenüber ihrer Milizarmee ausmachen, kämpfen Befürworter einer starken und wehrhaften Alpenrepublik um Prozente im Abstimmungskampf. Denn wie soll eine fast ausschließlich aus Reservisten zusammengesetzte Armee abschreckend sein, wenn ihr ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung die Daseinsberechtigung abspricht?

Kein Wunder, malen Armeebefürworter zur Untermauerung ihrer Uberzeugung einmal mehr das Szenario einer von Hitler flugs überrollten Schweiz, wären damals nicht die tapferen Mannen Gewehr bei Fuß an den Grenzen gestanden. Der Mythos des David, der erfolgreich dem Goliath trotzt, ist nicht unterzukriegen. Nüchterner Betrachtung hält solch helvetozentrische Kriegsbetrachtung längst nicht mehr stand. Belegt wird dies allein schon dadurch, wie leicht es Markus Heiniger gelungen ist, auch bei durchaus „staatstragenden“ Historikern wie Hans Rudolf Kurz, Walther Hofer oder Edgar Bonjour Material zu finden, das seine These stützt, wonach vorab wirtschaftliche Kollaboration und die Nützlichkeit einer unversehrten, neutralen Schweiz für die Achsenmächte deren Eroberung verhindert haben.

Kein immer wieder beschworener Sonderfall, weder überragende Tapferkeit noch ein helvetisches Wunder haben die Schweiz verschont, sondern das Zusammenwirken glücklicher Umstände mit zuweilen moralisch unsauberen Praktiken, behauptet der Autor. Er rüttelt damit an einem Tabu, aber nicht als einziger. Allmählich findet die Schweiz zu einer ehrlicheren Geschichtsschreibung über ihre Rolle im Zweiten Weltkrieg.

Zweifellos lassen sich – oft in denselben Quellen, die Heiniger zitiert – auch Angaben finden, welche die Bedeutung der bewaffneten Neutralitätsverteidigung größer erscheinen ließen. Hier muß sich der Verfasser auch den Hauptvorwurf gefallen lassen: Reichlich ungeordnet reiht er Fakten und Dokumentauszüge aneinander, um dann sehr rasch und häufig ohne Gewichtung von Quellen und Inhalt zu rigiden Urteilen zu gelangen. „Dieses Buch versucht, die militärischen und nichtmilitärischen Faktoren, die zur Verschonung der Schweiz vor einer Invasion beigetragen haben, aufzuzählen, sie zu schildern und zu gewichten“, schreibt er im Vorwort, um im nächsten Atemzug gerade am versprochenen nüchternen Umgang mit der Information zweifeln zu lassen: „Das ‚militärische Argument‘ spielt eine Statistenrolle“, nimmt er kühn vorweg.