Durchaus möglich, daß „Babbitt“, der 1922 erschienene Roman von Sinclair Lewis über den amerikanischen Geschäftsmann, als Klassiker dem Leser von heute im Detail Rätsel aufgibt. Da unterhalten sich zum Beispiel während einer Eisenbahnfahrt einige businessmen über die Teuerung der Konfektionspreise:

„,Hast recht, Bruder. Na, und da sind zum Beispiel Kragen – ‚Hallo! Nicht so eilig!‘ warf der dicke Mann dazwischen. ‚Was habt ihr gegen Kragen? Ich verkaufe Kragen! Wißt ihr denn, daß der Arbeitslohn bei Kragen noch immer zweihundert und sieben Prozent über – Sie beschlossen einmütig, wenn ihr alter Freund, der dicke Mann, Kragen verkaufte, waren eben die Preise von Kragen genau, wie sie zu sein hatten; aber alle anderen Kleidungsstücke waren zum Verzweifeln teuer.

Kragen als Kleidungsstücke?

Bis in die Vierziger Jahre hinein bildete das Herrenoberhemd keine Einheit, sondern wurde erst dazu durch Zusammenfügung mehrerer Einzelteile. Der Kragen, ein autonomer Teil mit eigenem Preis, wurde mit dem kragen- und oft manschettenlosen Rumpfhemd durch den Kragenknopf im Nacken und vor der Gurgel gebunden. Das ermöglichte einen täglichen Kragenwechsel bei gleichbleibendem Rumpfhemd. Ein anrüchiges Unternehmen, mag mancher naserümpfend denken. Aber damals hielt sich der Dreck der Umwelt, der heute den täglichen Wäschewechsel fördert, noch in Grenzen.

Kragen gab es aus Leinen, und, später, aus Papier. Leinenkragen bedurften zur Wiederverwendung spezieller Pflege. Sie waren zu stärken, aber nicht zu sehr, weil sie sonst im Nacken scheuerten. Auch das Bügeln war wegen der Einlage heikel, sagt die Überlieferung.

Ob Babbitts Mitreisender Leinen- oder Papierkragen verkauft, erfahren wir nicht. Papierkragen, diese industrielle Innovation, waren Dutzendware. Sie brachten die tadellose Form vorgefertigt an den Hals und verschwanden nach Gebrauch im Kachelofen. Sofern sein Träger ihn nicht mit Hilfe eines weichen Radiergummis renovierte und erneut tragbar machte.

Kragen waren allgemein weiß, Papierkragen immer Der weiße Kragen markierte den Klassenunterschied zwischen (Klein-)Bürger und Arbeiter. Dem Arbeiter fehlte nicht nur der weiße Kragen; das Hemd oberhalb des vorderen Kragenknopfes zeigte den nackten Hals. Im Berlin der zwanziger Jahre läßt Hans Fallada den arbeitslosen Angestellten Johannes Pinneberg „mit dem verschossenen Mantel, den schmutzigen Hosen und ohne Kragen durch einen Schupo vom Bürgersteig verjagen. Ohne Kragen ist er sozial deklassiert: Kleiner Mann, was nun ...