Natürlich, so pflegt Oberbürgermeister Daniels zu sagen, sei sich Bonn bewußt, daß es seine hauptstädtische Rolle nur stellvertretend für Berlin spiele. Doch letzthin kommt ihm dieser Satz wohl nicht mehr so glatt über die Lippen. Was im anderen Teil Deutschlands und zwischen den beiden Teilen vor sich geht, beflügelt die Phantasie mächtig. Wie lange bleibt die rheinische Residenz noch politische Kapitale?

Das ist an vielen Ecken und Enden in Bonn schon Theken- und Privatgespräch, mehr spielerisch noch als ernst, aber immerhin. Und schon beteiligen sich daran auch die ersten Politiker: Erwin Huber, der CSU-Generalsekretär, hat, als Anregung, bereits vom Umzug des Bundestags in den Berliner Reichstag gesprochen, und der Berliner CDU-Abgeordnete Feilcke möchte den leidigen Neubau des Plenarsaals augenblicklich eingestellt sehen, weil „teilungsbedingte Provisorien“ nicht in einer Zeit in Beton gegossen werden dürften, „in der der Beton, der Deutschland teilt, verschwindet“.

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Zwar hat der Kanzler derlei knurrend als unrealistisch zurückgewiesen. Aber da rumort etwas, bekommt Risse, gerade auch im Familienkreis. Vielleicht 30 000 Menschen umfaßt der sogenannte Bundestroß in Bonn, ein gutes Zehntel aller Einwohner. Längst haben sie sich verwurzelt, auch in Eigentumswohnungen und Häusern. Was aber auf dem Immobilienmarkt geschähe, wenn es zum Umzug käme, liegt auf der Hand. Kein Wunder also, wenn manches Familienoberhaupt bereits an kellertief abstürzende Werte und Preise denkt und schon mal durchspielt, wie es der Rutschpartie entkommen könnte – ein bißchen verschämt und wie entrückt, aber doch.

Ein bißchen entrückt ist Bonn jetzt ohnehin. Zwar geht der politische Betrieb weiter, mit allem Drum und Dran. Aber die Augen richten sich nach Ost-Berlin, und die Gedanken tragen das Kürzel DDR. Nach der Deutschlandpolitik auf den Parteitag an diesem Wochenende angesprochen, sagt der CSU-Vorsitzende Theo Waigel doch glatt: „Ja, man vergißt schon alle anderen Termine.“ Was wäre das, in normalen Zeiten, für ein Sakrileg gewesen. Aber es ist eben nichts mehr normal.

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Deshalb wirkt Bonn auch ein wenig wie eine verlassene Kulissenstadt. Der Film wird im Nachbarstudio gedreht. Zwar fahren die Kräne justament jetzt über besonders vielen Baustellen hin und her, zumal öffentlichen – von Geschichtsmuseen bis zu Kongreßzentren. Kurfürst Kohl eifert da seinen barocken Vorvorgängern nach. Dennoch demnächst Kulisse?