Von Erhard Eppler

Bücher über Ökologie sagen uns meist, was ist und sein müßte, welche Katastrophen sich ankündigen und was dagegen zu tun sei. "Giftige Ernte" von José Lutzenberger und Michael Schwartzkopff sagt, was geschieht, was schon getan wird. Es handelt von dem erstaunlichen und – bei allen Rückschlägen – erfolgreichen Kampf des Agraringenieurs José Lutzenberger gegen multinationale Chemiekonzerne, und dies auch noch in einem Lande wie Brasilien, in dem lange Zeit jede Bewegung von unten durch die Wachstumsdiktatur der Militärs und der Technokraten unterdrückt wurde.

Man kann in diesem Buch Sätze über die "Pestizidmafia" lesen, die an einen extrem linken Autor denken lassen. Da werden Praktiken der Bestechung, der Erpressung geschildert, die rücksichtslose Vertreibung von Kleinbauern, Gummisammlern, Indianern, da ist die Rede von bestellten und gefälschten Gutachten, von der Herrschaft der Chemiekonzerne über die Samenzuchtanstalten, die dazu führt, daß nur noch Samen angeboten wird, der ohne viel Chemie gar nicht gedeihen kann. Da wird erzählt, wie die Chemielobby in die Administration hineinwirkt, sie in ihren Dienst stellt, wie Politiker vor der Mafia in die Knie gehen.

Dabei ist Lutzenberger von Haus aus das Gegenteil eines Linken. Das Kind bayerischer Auswanderer hatte so gelebt, wie die meisten Deutschen in Lateinamerika leben: in einer gehobenen, eher konservativen Mittelschicht; solide Berufsausbildung, Anstellung in der Industrie (BASF), für die er bis 1970 (damals war er schon Mitte vierzig) Agrarchemikalien in Brasilien vertrieb.

Wer Lutzenberger seit vielen Jahren kennt, hat auch bemerkt, daß er kein Konvertit ist. Er hat sich langsam, aber stetig verändert, immer wieder dazugelernt, immer die Theorie an der Praxis erprobt. Auch sein Ausstieg bei BASF war zuerst nur der Versuch, unabhängig zu werden von Chemieinteressen. Wenn Lutzenberger heute oft radikal klingt, dann durch die Erfahrungen, die ihm nicht erspart geblieben sind. Wer von Konzernen und Regierungen als Gegner bitterernst genommen wird, kann einiges erzählen, und Lutzenberger tut es.

Ursprünglich wollte er die brasilianischen Bauern nur dazu bringen, weniger Pestizide zu verwenden, keine unnötigen, sich nicht zu vergiften. (Nach vorsichtigen Schätzungen erkranken in Brasilien jedes Jahr 750 000 Menschen an Agrargiften, mindestens 13 000 sterben.) Lutzenberger konnte sich lustig machen über die lupenreinen Ökologen, die ihre Anbaumethoden zur Weltanschauung erhoben.

Und er hat einiges erreicht. In Brasilien wird nicht mehr von Pflanzenschutzmitteln geredet, auch nicht in Gesetzestexten, sondern von agrotóxicos, Agrargiften. Rezeptpflicht für solche Agrargifte wird immer wieder, in einzelnen Bundesstaaten und im Gesamtstaat, festgeschrieben, seltener allerdings durchgesetzt. Trotzdem: Der Verbrauch von Pestiziden geht deutlich zurück. Die Vereinigung der Agraringenieure stützt Lutzenbergers Forderungen. Der hagere Sechziger ist zur Instanz in einem Land geworden, das eher ein Kontinent ist. Ein Land, in dem immer noch Urwälder niedergewalzt oder abgebrannt werden, hat eine ökologische Autorität, die nicht mehr so leicht zum Schweigen zu bringen ist.