Mit einer Konföderation ließe sich der Wandel in der DDR am besten bewältigen

Von Harry Maier

Es gibt Ereignisse, die schlagartig die Existenz eines Volkes verändern und das bisher Unmögliche Realität werden lassen – Lokomotiven der Weltgeschichte, um mit Karl Marx zu sprechen. Zu jenen Ereignissen gehört ohne Zweifel die Entscheidung des neuen SED-Politbüros unter Egon Krenz und Hans Modrow, vom 9. November 1989 an die Grenze zur Bundesrepublik und die Mauer nach West-Berlin zu öffnen.

Siegesfanfaren, Schadenfreude oder sogar Rachegefühle sind einer solchen Situation unwürdig. Angesichts des Mutes derer, die mit ihrer sanften Revolution auf der Straße den Boden für diese Entscheidung bereitet haben, und derer, die – wenn auch widerstrebend – sie schließlich getroffen haben, verliert ein kleinliches Aufrechnen der Vergangenheit jeden Sinn. Gefordert sind weder Euphorie noch ideologische Rechthaberei, sondern der klare Blick für die Möglichkeiten einer bisher undenkbaren neuen Qualität deutsch-deutscher Beziehungen.

Wir sollten ehrlich genug sein anzuerkennen, daß diese Entwicklung nicht durch die bundesdeutsche Politik ermöglicht wurde, sondern vor allem durch die Systemöffnung zwischen Ost und West, die der sowjetische Partei- und Staatschef Michail Gorbatschow vor vier Jahren eingeleitet hat. Daß hieraus eine historische Chance für ein qualitativ neues Miteinander der Deutschen in beiden deutschen Staaten wurde, hat einzig und allein die DDR-Bevölkerung mit Mut und Beharrlichkeit erkämpft. Ohne sie wäre die schreckliche Prophezeiung des greisen Erich Honecker, daß die Mauer noch hundert Jahre stehen würde, sicher in Erfüllung gegangen.

Was aus dieser historischen Chance wird, hängt weitgehend davon ab, ob es gelingt, den einsetzenden Prozeß der Systemöffnung zwischen den beiden deutschen Staaten zu stabilisieren und ihm einen Inhalt zu geben, der den Interessen der Menschen gerecht wird. Wir Deutschen haben heute die einmalige Chance, aus einstigen Speerspitzen des Kalten Krieges zu Vorreitern der Systemöffnung zwischen Ost und West zu werden. Hierzu bedarf es eines langen politischen Atems und eines klaren Blicks für das Notwendige, das buchhalterische Registrieren der aus der DDR Ausreisenden reicht jedenfalls nicht. Es geht vor allem darum, die Abwärtsspirale in der DDR zu stoppen. Der Ausreisestrom verschlechtert die Lebenssituation der DDR-Bürger dramatisch und schafft somit die Basis für sein weiteres Anwachsen.

Aufgabe des Macht-Monopols