Von Manuela Reichart

Sehen heißt, die Welt mit dem Menschen und den Menschen mit dem Menschen verbinden.

Paul Eluard

Woran erkennt man ein gutes Photo? Marianne Breslauer antwortet auf diese Frage, ohne lange zu zogern: Daran, daß man auf einer Ausstellung nicht an ihm vorübergeht, von einer Zeitungsseite angezogen wird, in einem Buch das Umblättern vergißt. Man muß sich in dem Photo verfangen, festsehen. Nicht die perfekte Technik, nicht das ungewöhnliche Motiv sind für sie entscheidend, was zahlt, ist die Kraft des Bildes, des Ausdrucks – das Geheimnis des eingefangenen Augenblicks.

Es sind nicht ihre eigenen Photos, die Marianne Breslauer so beschreibt, die spielt sie gerne herunter als nicht so bedeutend, als rein professionelle Arbeiten einer jungen Frau. Marianne Breslauer ist eine richtige Preußin, auch wenn sie schon lange in der Schweiz lebt, und sie hat gelernt, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen, die eigenen Fähigkeiten nicht in den Vordergrund zu stellen. Diese Haltung übertragt sie mit typisch berlinerischem Starrsinn auch auf ihre Photos und behauptet immer wieder, die seien weder besonders modern noch besonders gut oder beachtlich gewesen. Und erst nach langem Einreden kann man sie zu dem Satz bewegen, daß sie einige doch für gelungen halte. Das kleine Madchen mit der Blume etwa, 1933 auf einer Spanienreise mit der Schriftstellerin Annemarie Schwarzenbach photographiert. Das sei wirklich außergewöhnlich, die Freude, das offene Gesicht, ein spontaner Ausdruck. Die Aufnahme vom Berliner Lutzowufer 1930 laßt sie auch gelten oder die Clochards am Seine-Ufer 1929: Das seien diese eingefangenen Momente: die bewegten Menschen auf der Brücke oder der über dem Wasser baumelnde Fuß. Daruber hinaus sind es Bilder aus einer untergegangenen Welt. Die Berliner Brücke gibt es nicht mehr, die malerische Ruhe am Pariser Ufer ist auch verschwunden.

Die Macht des eingefangenen Augenblicks: Die Photos von Marianne Breslauer zeugen davon. Ihre Auktionsaufnahmen etwa, 1932 in Paris entstanden: Auf dem einen Bild sieht man einen kleinen dicken Mann, der nicht nur durch seine etwas verdrehte Körperhaltung und seinen offensichtlich gebannten Blick Konzentration ausdruckt, sondern vor allem durch die Art, wie er seinen Hut halt, wie er ihn gleichsam hinter sich versteckt. Diese Handhaltung sieht äußerst unbequem aus, und man erkennt sofort, hier ist einer mit weitaus Wichtigerem beschäftigt als der Frage seiner störenden Kopfbedeckung. Der Mann auf dem Photo ist Paul Cézanne fils, und so wie er von dem Treiben oder vielleicht auch von einem bestimmten Gegenstand auf der Pariser Kunstauktion gebannt war, so unausweichlich zwingt und bannt Marianne Breslauers Aufnahme den Blick des Betrachters. Die Macht eines Augenblicks wird unaufdringlich in den Mittelpunkt geruckt – die Voraussetzung für jede gelungene Photographie.

Marianne Breslauer ging in Berlin-Grunewald zur Schule, sie ist das, was man eine Tochter aus gutem Hause nennt: Ihr Vater war ein bekannter Architekt, ihr Großvater mütterlicherseits, der Direktor des Kunstgewerbemuseums Julius Lessing, war 1890 einer der Grunder des Lette-Hauses, der großen Lehranstalt für Frauenberufe. 1927 bis 1929 besucht Marianne Breslauer die Photoklasse dieses Lette-Hauses. Sie will Photographin werden, weiß, daß ihr Talent für ihre andere, eigentliche Leidenschaft, die Malerei, nicht ausreicht. Beeinflußt wird das junge Madchen durch seine Bewunderung für Hanna Riess, die Porträtphotographin, deren Schaukasten sie auf dem Kurfurstendamin bestaunt. So direkt, so ungestellt wollte Marianne Breslauer auch einmal photographieren. Und noch heute kommt sie ins Schwärmen, wenn sie sich an die Porträtaufnahmen von Hanna Riess erinnert.