Wie immer man es dreht und wendet: Die Ausbildung zum Soldaten ist auch eine Ausbildung zum Töten. Unsere Autorin, Soziologin am Hamburger Institut für Friedensforschung und als Gutachterin im Frankfurter „Soldatenprozeß“ tätig, ist in ihren Arbeiten der Frage nachgegangen, wie junge Männer damit fertig werden.

Von Hanne-Margret Bickenbach

Wie alle Armeen bildet auch die Bundeswehr ihre Soldaten für den Krieg aus. Zwar sollen sie dem Frieden dienen; ihre Kriegsausbildung zu Zwecken der Verteidigung und Abschreckung ist damit jedoch nicht in Abrede gestellt; denn die kollektive Bereitschaft, die Vernichtungsdrohung wahrzumachen, ist ja der entscheidende Punkt der Sicherheitspolitik.

Diese Erkenntnis ist unangenehm, aber nicht geheim. Jeder kann sie in leicht zugänglichen, amtlichen Darstellungen nachlesen. Daß Soldaten dem Krieg gewachsen sein sollen, nennt man ihren guten Zweck.

Krieg aber heißt töten, und es hilft nichts, darum herumzureden: Die Ausbildung der Rekruten bei der Bundeswehr ist – wie bei jeder Armee der Welt – eben auch eine Ausbildung an der Waffe, eine Ausbildung zum Töten. Der Mensch verfügt über die biologische und intellektuelle Möglichkeit, Kriege zu organisieren und zu führen – eine naturbedingte Disposition dazu gibt es nicht. Wer organisierte Gewalt anwenden soll, muß es lernen. Dies geschieht weder im Kindergarten noch in der Schule, sondern allein beim Militär.

In der Ausbildung der Soldaten muß die Bundeswehr ein Dilemma überwinden, das sich in allen modernen Industriegesellschaften mehr oder weniger deutlich zeigt. Im normalen gesellschaftlichen, innerstaatlichen Verkehr ist die Gewalttätigkeit von Menschen gegen Menschen tabuiert und wird, wenn möglich, bestraft. Menschen werden von klein auf daraufhin erzogen, ihre Aggressionen zu bändigen, eigene Interessen nicht mit physischer Gewalt durchzusetzen, den inneren Frieden zu respektieren und auch den Krieg zu verabscheuen. Kein Kriegsspielzeug, keine Prügelei, keine Steine bei politischen Demonstrationen. Statt dessen: nachgeben – oder nachdenken, auch über sich selbst, überzeugen, Mehrheiten suchen, im äußersten Fall die Gerichte bemühen. Diese Verhaltensvorschriften mögen manchen überfordern, aber ihre Verinnerlichung ist eine Bedingung bürgerlicher Existenz. Gewalt wird als „abweichendes Verhalten“ diskriminiert.

Im zwischenstaatlichen Verkehr gilt dieser Sittenkanon jedoch noch nicht. Gewaltdrohungen gelten noch immer als normal und legitim, obwohl die Welt wahrscheinlich längst vernichtet wäre, wenn die Militärpotentiale tatsächlich noch die konfliktentscheidende Bedeutung hätten, die ihnen in der sicherheitspolitischen Doktrin zugeschrieben wird, an der sich der Auftrag der Bundeswehr orientiert.