Eine Invasion von DDR-Bürgern in die Bundesrepublik, das hatte es auch 1961 gegeben. Sie lieferte dem Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht den Anlaß, die Mauer bauen zu lassen. Schon 1959 waren 143 917 Menschen aus der Ostzone geflohen, 1960 waren es fast 200 000 – drei Viertel davon nutzten den leicht möglichen Wechsel von Ostnach West-Berlin.

Die Flüchtlinge reagierten auf die erkennbare Absicht der Sowjetunion, die Alliierten aus den drei Westsektoren Berlins herauszudrücken. Im November 1958 hatte der sowjetische Ministerpräsident Nikita Chruschtschow Briten, Franzosen und Amerikanern mit der Vorstellung gedroht, Berlin zu einer international kontrollierten „freien Stadt“ zu machen und für die Annahme dieses Vorschlags eine Frist.

Neben dem „Chruschtschow-Ultimatum“ verschärfte eine ökonomische Krise in der DDR die Situation. Von Januar bis Mai 1961 liefen noch einmal 80 000 Flüchtlinge in den Westen über. Der immer größere Mangel an Fachkräften zehrte die Wirtschaft weiter aus. Im Juni heizte „der Spitzbart“ – wie Ulbricht im Westen genannt wurde – die Fluchtbewegung selbst noch einmal an – willentlich oder unabsichtlich. Auf einer internationalen Pressekonferenz in Leipzig hatte ihm am 15. Juni die Korrespondentin der Frankfurter Rundschau, Annemarie Doherr, die Frage gestellt: „Herr Vorsitzender, bedeutet die Bildung einer freien Stadt Ihrer Meinung nach, daß die Staatsgrenze am Brandenburger Tor errichtet wird, und sind Sie entschlossen, dieser Tatsache mit allen Konsequenzen Rechnung zu tragen?“

Ulbrichts Antwort: „Ich verstehe Ihre Frage so, daß es Menschen in Westdeutschland gibt, die wünschen, daß wir die Bauarbeiter der Hauptstadt der DDR mobilisieren, um eine Mauer aufzurichten, ja? Ääh – mir ist nicht bekannt, daß solche Absicht besteht, da sich die Bauarbeiter in der Hauptstadt hauptsächlich mit Wohnungsbau beschäftigen und ihre Arbeitskraft dafür voll ausgenutzt, voll eingesetzt wird. Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!“

Diese Antwort, die im nachhinein geradezu verräterisch klingt, trieb in den folgenden Tagen nicht nur noch mehr Menschen über die Grenze in den Westen (im Juli waren es 30 415) – sie läßt sich auch so interpretieren, daß lange vorbereitet war, was das DDR-Regime in der Nacht auf den 13. August 1961 in die Tat umsetzte. Um 01.11 Uhr lief über die Fernschreiber der DDR-Nachrichtenagentur ADN eine Meldung, in der es hieß: „Die Regierungen der Warschauer Vertragsstaaten wenden sich an die Volkskammer und an die Regierung der DDR, an alle Werktätigen der Deutschen Demokratischen Republik mit dem Vorschlag, an der Westberliner Grenze eine solche Ordnung einzuführen, durch die der Wühltätigkeit gegen die Länder des sozialistischen Lagers der Weg verlegt und rings um das ganze Gebiet Westberlins, einschließlich seiner Grenze mit dem demokratischen Berlin, eine verläßliche Bewachung und eine wirksame Kontrolle gewährleistet wird.“

Um kurz vor zwei Uhr ratterten in den nächtlich stillen Straßen entlang der Sektorengrenze Preßlufthämmer los. Betriebskampfgruppen hatten die Grenzlinie zwischen Ost und West mit dicken weißen Strichen auf den Asphalt gemalt – hier mitten auf der Straße, dort dicht entlang einer Häuserfront. Arbeitskolonnen brachen Pflaster und Asphalt auf, häuften Gesteinsbrocken zu einem provisorischen Wall, rammten Pfähle ein und rollten unter dem Schutz von Volksarmee, Volks- und Bereitschaftspolizei Stacheldraht aus. Den ganzen Sonntag über ging das weiter unter den entsetzten Blicken der fassungslosen Berliner, die auf den Straßen zusammenliefen. Der Verkehr von U- und S-Bahn wurde unterbrochen. Am 14. August wurde das Brandenburger Tor dichtgemacht. Zwei Tage später begannen die Bausoldaten, die Stacheldrahtverhaue durch eine Mauer aus Betonplatten zu ersetzen, Fenster und Türen von Gebäuden an der Sektorengrenze wurden zugemauert. An der Grenze fielen die ersten Schüsse auf Flüchtlinge, die im letzten Moment zu entkommen suchten: heimlich über Trümmergrundstücke, mit verzweifelten Sprüngen aus Fenstern und über Stacheldraht, durch Flüsse und Kanäle schwimmend.

Ulbricht und Chruschtschow gingen mit dem Mauerbau kein großes politisches Risiko ein. Sie wußten: Die westlichen Alliierten würden um der Berliner Westsektoren willen keine ernste Konfrontation suchen, solange ihre Rechte nicht tangiert würden. Schon am 30. Juli hatte der amerikanische Senator William Fulbright in einem Fernsehinterview erklärt: „Ich verstehe nicht, weshalb die Ostdeutschen nicht einfach ihre Grenzen schließen, denn ich glaube, sie haben ein Recht dazu.“