Von Dieter Buhl

Leipzig, im November

Die Stille überwältigt, und sie beschämt, weil sich soviel gelassener Mut dahinter verbirgt. Dicht an dicht stehen die Menschen vor der Nikolaikirche. Sie verharren beinahe regungslos, trotz der beißenden Kälte. Sie warten auf das Ende des Friedensgebetes. Als sich die Tür des Gotteshauses endlich öffnet und die Kirchgänger herausströmen, erhebt unvermittelt ein älterer Herr die Stimme. Er sieht nicht aus wie jemand, der zur Lautstärke neigt oder sich wichtig macht. Aber jetzt bricht es aus ihm heraus mit zorniger Bestimmtheit: "Wir sind das Volk", schreit er, und sein Ruf schallt vieltausendfach verstärkt in die Nacht.

"Wir sind das Volk" – dieser Anspruch war auch diesmal wieder das Motto des Friedensgebets. In der Kirche jedoch brauchte es nicht skandiert zu werden. Der Pfarrer wies leise, fast demütig auf die Wirkungen hin, die von der Nikolaikirche, von dieser Paulskirche des DDR-Volkes, ausgegangen sind. Er erinnerte daran, "daß sich das Land dramatisch verändert, von Montag zu Montag", von Friedensgebet zu Friedensgebet. Der Prediger des Abends zog die Bibel heran, um das Wunder zu erklären, das an dieser Stelle vor Monaten Seinen Anfang nahm. "Sieben Tage", verglich er, "ist Josea um die Mauern von Jericho gezogen, dann fiel die Mauer wie von selbst; sieben Tage liefen die Leipziger um die Stadt, dann fiel die Mauer wie von selbst."

Auch an diesem Montag abend laufen die Leipziger wieder, nein erst einmal bewegen sie sich zentimeterweise voran, denn die umliegenden Straßen sind voller Menschen. Doch keine Ungeduld macht sich breit, es gibt kein Drängen und Schubsen. Dies ist keine Demonstration, wie wir sie in der Bundesrepublik kennen. Hier herrscht weder Begeisterung noch Krawall, hier setzt niemand auf action. Mit stillem Ernst gehen die Menschen voran, entschlossen und zielbewußt.

Nur wenige Transparente ragen aus der Menge. Zumeist sind sie von unbeholfener Hand gefertigt und verraten den Materialmangel in diesem Lande. Eines der Plakate erinnert an einen Sohn, der sein Leben im Todesstreifen an der Grenze ließ. Andere attackieren mit Witz die Mächtigen: "Die Perestrojka in ihrem Lauf halten weder Ochs noch Egon auf" oder "Stasigelder in die Wälder" oder "Das war das Hemd, jetzt wollen wir die Hose".

Es dauert lange, bis sich die Demonstranten auf dem Karl-Marx-Platz versammelt haben. 250 000 oder 300 000 Menschen, die sich ohne Leiter und Ordner zusammenfinden müssen, brauchen Zeit. Im Jahre 1930 hat hier, wie ein Wandgemälde in der benachbarten Post pathetisch verkündet, Ernst Thälmann zur deutschen Jugend gesprochen. Was würde der legendäre Kommunistenführer wohl denken, wenn er diesen Massenprotest sähe?