ZDF, Montag, 20., und Dienstag, 21. November, jeweils 20.15: „Recht, nicht Rache“ – die Geschichte des Simon Wiesenthal

Der Architekt Simon Wiesenthal wird im Frühjahr 1945 aus dem Konzentrationslager Mauthausen befreit, er ist zum Skelett abgemagert und muß von amerikanischen Soldaten gestützt werden. In der Hand hält er ein paar Zettel, gezeichnete Szenen der Peinigung, des Tötens. Mit akribischer Genauigkeit sind die Gesichter der Peiniger festgehalten, Simon Wiesenthal ist ein guter Zeichner, und er trägt nun aus dem Lager, was ihn so lange überleben ließ.

In einem amerikanischen Jeep wird er über Land gefahren, es ist ein warmer Tag, sein Begleiter singt vom „working for the Yankee dollar“. In Simon Wiesenthal ruckt und zuckt es, bevor er diese kruden Eruptionen von „Fröhlichkeit“ herausläßt. Er merkt wohl, daß er auf die Art seines Begleiters nicht mehr lustig sein kann, aber er ist nicht larmoyant, er nimmt sein Leben „danach“ an, wie es ist, wie es anders gar nicht sein kann.

„Ich dachte, du bist tot.“ – „Und ich dachte, du bist tot.“ – Simon hat seine Frau Cyla wiedergefunden. Ganz still, ganz vorsichtig gehen sie aufeinander zu, als erinnerten sie sich nur noch und fürchteten, die schöne Erinnerung zu verjagen. Es ist, als begegneten sie sich in einer anderen Welt. Sie holen nach, was sie vorhatten, gründen eine Familie, haben ein Kind – und merken bald, daß es so normal nicht mehr zugehen kann in ihrem Leben. „Warum baust du keine Häuser, du bist doch Architekt?“ fragt Cyla. „Weil ich nicht wüßte, wer darin leben sollte“, antwortet Simon. Seine und Cylas Verwandten sind sämtlich umgekommen. Aller Neubeginn ist für Simon eine Lüge, solange ihnen und den vielen anderen nicht Gerechtigkeit wird.

Simon Wiesenthal, zögernd vor einer Wohnungstür, unten wartet der Jeep: Er muß einen KZ-Schergen identifizieren und festnehmen. Er muß vor diesem breitschultrigen Mann stehen, der sich rasiert und Radio hört, der plötzlich so normal ist wie nur irgend jemand. Der „Jude“ steht plötzlich ganz allein da mit seinen Erinnerungen, die so offensichtlich allem widersprechen, was nun „Wirklichkeit“ heißt. Er beharrt auf einem Geschehen, das erst ein paar Jahre zurückliegt und das nun graue Vorzeit gewesen sein soll.

Als die Amerikaner ihre Nachforschungen einstellen, übernimmt Wiesenthal die Akten und eröffnet in Wien ein Dokumentationszentrum. Er ist maßgeblich an der Enttarnung Eichmanns beteiligt und an der Festnahme des „Metzgers von Vilna“. Ihn will er lebenslänglich hinter Gitter bringen, nachdem er vorzeitig aus sowjetischer Haft entlassen wurde. Doch inzwischen sind auch viele Zeugen nicht mehr bereit auszusagen; sie haben Rücksichten zu nehmen auf ihren guten Ruf. Die österreichische Öffentlichkeit steht eindeutig auf Seiten des Angeklagten, der inzwischen wieder ein geachteter Kommunalpolitiker ist. Es gibt öffentliche Proteste gegen das Verfahren, es gibt anonyme Drohungen, und es gibt Zeugenvernehmungen vor Gericht, wie sie demütigender kaum denkbar sind.

Der Film schildert authentische Ereignisse. Authentisch erscheint aber auch die Figur dieses Überlebenden (gespielt von Ben Kingsley), der immer isolierter und immer hartnäckiger auf einer Wirklichkeit besteht, die den Tätern und den Opfern von Jahr zu Jahr unwahrscheinlicher wird.

Martin Ahrends