Von Klemens Polatschek

Über Peter Weibel kann man nichts schreiben, weil es ihn vielleicht gar nicht gibt. Das letzte Mal hatte der ZEIT-Reporter vor vielen Wochen das Glück, Herrn Weibel ausführlich sprechen zu können. Es ist ganz einfach. Man wählt die Telephonnummer der Hochschule für Angewandte Kunst in Wien; dort ist Weibel Professor für Visuelle Medien. Es kracht, eine rauchige Stimme stößt hervor: "Ja, ja, ja, ich habe gerade am anderen Apparat ein Gespräch, rufen Sie in fünf Minuten wieder an!" Fünf Minuten später nimmt niemand mehr den Hörer ab, und auch in den nächsten Tagen ist kein Zeichen von Leben mehr zu vernehmen.

Der Mann ist wirklich beschäftigt. So bleibt nichts übrig, als einen künstlichen Weibel zu montieren, aus den Spuren, die er bisher in der Welt hinterlassen hat. In den Kunstkatalogen beginnt seine Biographie noch harmlos: "Peter Weibel, geb. 1945 in Odessa, Medienkünstler und Medientheoretiker". Die Zweigleisigkeit scheint ihm zu liegen. Zuletzt verschlang ihn die Organisation der "Ars Electronica" in Linz und zugleich die des "Steirischen Herbstes" in Graz. "Chaos und Ordnung" lautete dort das Thema, und das ist ganz Weibels Revier. Man kann auch sagen: Kunst und Theorie. Oder: Saustall und Erläuterung.

Mit seiner Ausstellung "Virtuelle Architektur" etwa versucht Professor Weibel, die Videokunst von gewissen Leiden zu erlösen – die "visuelle Pyramide" zwischen Zuschauer und Leinwand zu zerstören. Sie sei daran schuld, daß ein Großteil der Videokunst nicht funktioniere: Video- und Computerwerke könne man nicht vorführen wie einen Film. Deshalb zeigt Weibel ein Zwanzig-Minuten-Video auf zwanzig Bildschirmen gleichzeitig, jeweils um eine Minute später gestartet; die Zuschauer im Raum spazieren sich ihr Kunstwerk selbst zusammen, in "neuen Zusammenhängen von Raum und Zeit".

Auf Veranstaltungen wie dem "Steinschen Herbst" ist Weibel am ehesten live zu erleben. Meist ist da ein Vortrag über irgendeine Grenzwissenschaft zwischen Automatentheorie und Bildschirmkunst angekündigt. Ein Mann in abgetragenen Bluejeans und grauem Sakko betritt das Podium und spricht wie ein Wasserfall, nur anfangs mit ein paar Notizen in der Hand: Peter Weibel. Für die Zuhörer scheint das rasende Geplauder immer knapp vor dem Absturz. Wer sich einen Moment nicht konzentriert, gewinnt das Gefühl, Weibel rede irr. Dabei ist er immer originell, meist präzise und manchmal ein begnadeter Auflöser eigener Widersprüche: Thesen ohne Ablaufdatum sind nicht sein Begehr.

Der Seiltänzer zwischen Theorie und Praxis ist seit 1. Oktober auch in der Bundesrepublik zu Hause. Er leitet das frisch gegründete Institut für Neue Medien an der Frankfurter Städelschule: ein neuer Anlauf gegen den erkannten Mißstand, daß aus der Videokunst und neuen Medien in zwanzig Jahren noch nichts Rechtes geworden sei. Weibels Werkstatt an der kleinsten Kunstakademie der Bundesrepublik scheint allerdings im Trend zu liegen, denkt man an die Projekte des Medien-Technologie-Zentrums in Karlsruhe und des Mediaparks Köln.

Einen wichtigen Unterschied hebt Kasper König, Rektor der Städelschule, hervor: In Frankfurt brauche man nicht erst den politischen Rahmen zu schaffen, ein Vorteil auf dem heiklen Gebiet der Medien. Peter Weibel hofft, eine "selbständige Terminologie, einen Weg zwischen Markt und Kunstgeschichte" zu finden; man werde sich "ganz radikal auf die Kunst konzentrieren". Die besten Lehrlinge will er holen, ein Dutzend internationaler "Drop-outs der klassischen Kunst oder der Computerwissenschaft, die ein neues Territorium suchen – schwierige Leute wären die idealen Studenten".