Es ist einer dieser trostlosen Berliner Novembertage. Dichter, kalter Nebel hängt in den Straßen. Einsam steht der Mann von der Stadtreinigung auf dem Bürgersteig und kehrt. Die Trottoirs der Potsdamer Straße im amerikanischen Sektor sind übersät mit Papier, Cola-Büchsen und Glasscherben. Er sieht erschöpft aus.

Montag morgen kurz nach sieben: Die große Party der drei Millionen ist vorbei. Das rauschende Fest des Wiedersehens, das die westliche Halbstadt drei Tage und Nächte kopfstehen ließ, ist zu Ende gegangen. Berlin erwacht aus einem Traum und kehrt zum Alltag zurück. Die Trabis sind verschwunden, die Luft ist nicht mehr ganz so abgasblau. Die Kinder gehen wieder in die Schule, die türkischen Gemüsehändler haben wieder Bananen. „War det ein Trubel“, seufzt die Zeitungsverkäuferin und schüttelt den Kopf, als könnte sie es immer noch nicht fassen, was in den letzten Tagen in der ehemaligen Reichshauptstadt geschehen ist. „Wir hatten det janze Wochenende über offen. Ick mußte die Ostler ja richtig vollreden, daß se nich jeden Scheiß koofen. Jestern um achte bin ick ins Bett jefallen und hab jeschlafen wie ’ne Tote.“ Sie gähnt schon wieder.

„Guten Morgen Deutschland“, wünscht Bild, auf der BZ prangt das „Baby Berlin“ mit seiner Prenzlauer Mutter, nach einem Ku’damm-Bummel schnell im Westen geboren. Darunter: „Berlin ist jetzt das Herz des Planeten“. Er ist wieder auferstanden, der notorische Berliner Größenwahn, der Ost- und Westberliner auch in den Jahren der Trennung vereinte. Die einzige Weltstadt, die Deutschland je hatte, ist aus ihrer geteilten Normalität katapultiert – nur weiß niemand, wohin die Reise geht.

Berlin wird sich seiner tunlichst verdrängten doppelten Existenz wieder bewußt. Die Polizeipräsidenten haben sich getroffen, um am Brandenburger Tor für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Hätte es einen sinnvolleren Akt geben können, als gerade dieses Tor zu öffnen? Die Mauer, das Symbol der Stadt, ist nicht gefallen, aber sie hat große Löcher. Am Ku’damm werden kleine Stücke von ihr als Reliquien verkauft, für zwanzig Mark West. Das KaDeWe nimmt auch Ost-Mark. Die Koexistenz der beiden deutschen Währungen ist wiederhergestellt. Berlin ist eine offene Stadt.

In der kollektiven Ekstase des Wiedersehens ging vieles unter, wofür die Mauer nahezu drei Jahrzehnte gestanden hat: für die wohl brutalste, auf jeden Fall symbolträchtigste Trennung, der ein Gemeinwesen im 20. Jahrhundert unterworfen wurde, für staatlich organisierten und legitimierten Mord, für Jahrzehnte der nun endenden Feindschaft zwischen Ost und West, zwischen Kommunismus und Kapitalismus, für die Angst, daß der Kalte Krieg in der Apokalypse eines weltweiten Atomkrieges explodieren könnte; für zerrissene Familien und zahllose individuelle Tragödien, aber auch für die geradezu perverse Fähigkeit von Menschen, die groteske Wirklichkeit einer zerschnittenen Stadt aus ihrem Alltag zu verdrängen; schließlich für den Schlußpunkt der Teilung Deutschlands, der erst die Entspannungspolitik möglich gemacht hat.

Die Breschen, die am vergangenen Wochenende in die Betonbarriere geschlagen wurden, haben auch Erinnerungen an die Zeiten wachgerufen, in denen es noch keine Mauer gab. Und abseits von den ins Scheinwerferlicht getauchten Schauplätzen, dem Rausch, einem historischen Ereignis beizuwohnen, in den endlosen Staus und hoffnungslos überfüllten U-Bahnen schlichen sich erste Zweifel ein. Was bedeutet die unerwartete Öffnung der östlichen Halbstadt für die westliche? Wie wird das alles weitergehen?

Angesichts der historischen Bedeutung wirkte es schon bis zur Komik banal, wie beiläufig und unpräpariert der berlinernde SED-Informationssekretär Günter Schabowski am Donnerstag vergangener Woche verkündete, daß DDR-Bürger ab sofort frei reisen dürften. Da konnte sich auch niemand mehr über die surrealen Szenen wundern, die sich schon drei Stunden später in der Stadt abspielten: