Bitter. Da war sie nun extra an die Grenze gefahren, um dabeizusein. "Also, um mit diesen Menschen sozusagen, also, um da mitzufühlen", und hatte den Wagen ein wenig abseits geparkt. Und was ist passiert? "Alles weg. Ich komm zurück, und alles ausgeräumt." War ja nicht sehr viel zu holen – "aber trotzdem ..." "Na", sage ich, die Mülltüte in der Hand, "kucken Sie denn nie den Zimmermann? Bei Volksfesten und so weiter heißt es: aufgepaßt. Taschendiebe, Automarder, liebe Frau Schliepmann, Vorsicht, Falle!" – "Aber wirklich", seufzt Frau Schliepmann und starrt menschenverachtend ins Treppenhaus, "jetzt, wo die Welt sich verändert hat, jetzt, wo man kaum noch glauben kann, was man sieht, jetzt, wo es wieder Hoffnung gibt in der Welt..."

Ei, natürlich, das ist von Übel. Wir sind das glücklichste Volk von der Welt, wiedervereinigt in Berlin, so wiedervereinigt, daß selbst Altbundeskaiser Willy Brandt keine Parteien mehr kennt, sondern nur noch Deutsche – und dann so was. Ach, es kann schon bitter stimmen.

Dabei will ich hier auf keinen Fall das Waldhorn blasen. Nein wirklich, Freunde, nicht diese Töne! Wir wollen den freudenvollen Augenblick feiern, Einigkeit & Recht & Freiheit, wir wollen die Menschen, also, mit den Menschen ... Doch dann kommen wir zurück, noch ganz berauscht von unserem Rendezvous mit der Geschichte – und zack! hat da jemand still und leise unser Auto aufgeknackt.

Ja, Stunde um Stunde lauschen wir den Livesendungen, Zeile um Zeile weiden wir die seitenlangen Berlin-Berichte ab (Wie schön, jetzt unterm Brandenburger Tor zu stehen!), und plötzlich merken wir: Da stimmt doch etwas nicht?! Wir blättern lustlos noch ein wenig in den hinteren Zeitungsseiten herum, und plötzlich stocken wir, stolpern über eine kleine Meldung. In der Süddeutschen zum Beispiel: Zehn Prozent der Bundesdeutschen seien arm, steht da; die Zahl der Elenden (darunter viele Kranke und Alte) wachse seit Anfang der achtziger Jahre "rasant", es sei beschämend. 19 Zeilen dpa, kein Kommentar. Zehn Prozent, das sind über sechs Millionen Menschen.

Seltsames hatte auch die Katholische Nachrichtenagentur zwei Tage zuvor gemeldet: Der Leverkusener Bayer-Konzern habe in seinen lateinamerikanischen Tochterunternehmen Militärpolizei auf streikende Arbeiter hetzen und Mitglieder der Gewerkschaftsführung verhaften lassen. Erstunken und erlogen, sagt Bayer in Leverkusen. Näheres erfahren wir leider nicht.

Auch auf Herrn Streibl paßt zur Zeit niemand mehr auf. Herr Streibl, bayerischer Ministerpräsident (REP? Oder tatsächlich noch Christlich-Soziale Union?) hat nämlich herausgefunden, daß an der bundesdeutschen Wohnungsmisere mitnichten Spekulanten schuld sind. Nein: Die Asylanten sind’s, "die noch immer ungebrochene Asylantenwelle" ist es, die sozusagen Deutschlands Wohnungsparadies überflutet und verwüstet hat. Da gerieten Übersiedler – "tüchtige und fleißige Menschen" – natürlich in Not. SPD und FDP jedenfalls müßten jetzt einer Änderung des Asylparagraphen im Grundgesetz endlich zustimmen.

Ei, wohl wahr, das ist von Übel. Wir sind das glücklichste Volk von der Welt, wiedervereinigt wie nie zuvor – und dann so was! Aber hatte man uns nicht immer wieder gewarnt? Alle feiern, keiner paßt auf – und schon wird wieder einer (hier oder jenseits des Äquators) zum Bettler gemacht, sägt wieder einer klammheimlich am Grundgesetz herum und sät neuen Haß: Die Stunde des Jubels ist die Stunde der Diebe. Ach, mögen andere bereits bebend das "Weltende" zitieren, ich schließe doch lieber mit Eichendorff: "Was heut müde gehet unter, / Hebt sich morgen neugeboren. / Manches bleibt in Nacht verloren – / Hüte dich, bleib’ wach und munter!"

Benedikt Erenz