Hamburg

Für Sabine Heißing war es eine erste Begegnung mit dem real existierenden Journalismus. Tags zuvor hatte sie mit Bild-Reportern gesprochen und jetzt diese Schlagzeile: „Flüchtlinge leben wie Vieh“, klärt das Boulevard-Blatt seine Leser über die Unterbringung von 270 Aus- und Übersiedlern auf dem Campingplatz „Wunderbrunnen“ in Hamburg-Schnelsen auf, „der Wagen ist wie ein Käfig.“ Nein, so hatte Sabine Heißing sich das nicht vorgestellt: „Wir waren entsetzt über den Bericht, wir fühlen uns wohl hier.“

Und doch, es gibt Grund zur Klage: „Wir möchten informieren über unhaltbare Zustände, finanzielle Belastungen und wirtschaftliche sowie persönliche Schwierigkeiten von Menschen, die mit viel Optimismus in die BRD gekommen sind und jetzt, in Wohnwagen untergebracht, den Winter überstehen müssen“, lädt der „Arbeitskreis Wunderbrunnen“ zum Pressegespräch. So fehle ein Raum für die Kinder, die Beleuchtung sei höchst unzureichend, und der Platz versinke bei Regen im Schlamm.

Kaum Verständnis haben die unfreiwilligen Camper auch für die skurrile Regelung: Je weniger Wohnraum, desto teurer ist er. Einundachtzig Mark wird jedem Anwohner monatlich als „Nutzungsgebühr“ von der Sozialhilfe abgezogen – egal ob er allein in einem 9,5 Quadratmeter großen Wohnwagen haust oder zu viert. „Wir erwarten keine Privilegien“, stellt der „Arbeitskreis Wunderbrunnen“ fest, „doch meinen wir, daß Erleichterungen unserer Situation mit geringer Bereitschaft möglich sind.“

Aber die Behörden der Hansestadt haben derzeit ganz andere Sorgen. Bis Ende des Jahres werden 20 000 Aus- und Übersiedler erwartet – auch wenn nach Öffnung der DDR-Grenzen einige in ihre Heimat zurückkehren. Wie viele andere Bundesländer sucht Hamburg verzweifelt nach Herbergen für die Neubürger. Hanseatische Vornehmheit ist dabei längst über Bord gegangen: Wohnschiffe im Hafen, ehemalige Bordelle auf der Reeperbahn, Hotels, Pensionen und Campingplätze bieten vorübergehend Unterschlupf.

Das anfängliche Wohlwollen der Bevölkerung gegenüber den Deutschen aus dem Osten kippt derweil langsam um: „Jetzt steht bei mir endgültig etwas quer“, empört sich ein Leser der Hamburger Morgenpost über das Aufmucken der Camper „was bilden sich die Leute eigentlich ein? Kommen in den ‚Goldenen Westen‘ und stellen eine Forderung nach der anderen.“

Auch im etwas feineren Hamburger Vorort Poppenbüttel kocht die Volksseele. Dort sollen 200 Wohncontainer für Um- und Aussiedler aufgestellt werden. Die Bürger nehmen kein Blatt vor den Mund: „Wir gehen davon aus, daß, wenn dieses Lager hier entstehen wird, auf Dauer der Wohnwert und auch der Wert der Wohnungen sinken wird“, bekennt einer vor der Fernsehkamera des Hamburger Journals und ein anderer: „Wir werden die Leute hier nicht wieder los.“