Der Gast aus Fernost wird, wie es sich gehört, bescheiden auftreten. Und doch sollten die Bundesdeutschen sich dadurch nicht täuschen lassen. Roh Tae Woo, der Präsident Südkoreas, der in der nächsten Woche nach Bonn kommt, hat mehr Grund zu Selbstvertrauen, als er zur Schau tragen wird.

Denn Südkorea ist eines der wenigen Länder, die dabei sind, den holprigen, oft gefährlichen Übergang von der Diktatur zur Demokratie erfolgreich zu bewältigen. Michail Gorbatschow, aber auch Egon Krenz könnten angesichts des eindrucksvollen Wandels in dem nordostasiatischen Teilstaat grün werden vor Neid.

Die südkoreanische Erfolgsformel: erst Perestrojka, dann Glasnost. Dreißig Jahre lang hatten die Vorgänger Rohs das einstige Entwicklungsland mit harter, auch oft korrupter Hand in die industrielle Neuzeit getrieben. Perestrojka, die Umwandlung von Wirtschaft und Staatsverwaltung, ist heute weitgehend abgeschlossen, das Entwicklungsland zu einem Industriestaat geworden. Jetzt kann Glasnost sprießen.

Der einstige General Roh Tae Woo schien zunächst kaum der Mann, diesen Übergang zu gewährleisten. Aber er überraschte Freund und Feind gleichermaßen: Seinen Anhängern ist er oft zu unentschlossen, den Widersachern paßt er zuwenig in die Schablone des konservativen law and order-Präsidenten. "Ein bißchen ist er schon wie Gorbatschow", meinte vor einigen Monaten ein Berater Rohs. "Er weiß, daß Turbulenzen nun einmal bei der Demokratisierung unvermeidlich sind." Roh selbst sieht sich als denjenigen, "der die Alligatoren zu beiden Seiten des Ufers in Schach hält". Auch wenn dabei häufig ein Zickzackkurs herauskommt, die Richtung ist doch klar: Einen Rückfall in die Diktatur darf es nicht geben; Demokratie ist Voraussetzung für Wohlstand und internationales Ansehen.

Sie ist zugleich Bedingung für die Überwindung der seit 1945 währenden Teilung des Landes. In Nordkorea hofft der dienstälteste KP-Chef der Welt, Kim Il Sung, noch immer auf eine Wiedervereinigung unter kommunistischer Flagge und notfalls mit Hilfe kommunistischer Panzer. Postverkehr und Telephonleitungen gibt es nicht zwischen Nord und Süd, von Passierscheinabkommen gar nicht zu sprechen.

Nun hoffen die Südkoreaner auf die sanfte Wirkung der eigenen Wirtschaftskraft sowie auf die Durchsetzungsfähigkeit Gorbatschows, um den Norden zu flexibleren Positionen zu bewegen. Zu Ungarn, das Roh gleich nach seiner Visite in Bonn besucht, bestehen seit einiger Zeit, zu Polen seit kurzem diplomatische Beziehungen. Hochrangige sowjetische Besucher schieden tiefbeeindruckt aus Seoul und raten gar von einem baldigen Abzug amerikanischer Truppen ab aus Sorge, ein solcher Schritt könnte die falschen Signale nach Norden senden.

Inzwischen aber versucht Nordkorea, sich aus der Isolation herauszutasten. Auf die Treulosigkeit der alten Verbündeten in Osteuropa hat Pjöngjang mit der Aufnahme von Kontakten zu Washington reagiert. Mehrmals trafen sich in den letzten Monaten in Peking nordkoreanische und amerikanische Diplomaten zu Geheimgesprächen. Und erst vor wenigen Tagen besuchte Gaston Sigur, unter Ronald Reagan im State Department für Asien und den Pazifik zuständig, die nordkoreanische Hauptstadt. Sigur reiste gewiß nicht, wie es hieß, als "Privatmann".

Kommt auch auf der koreanischen Halbinsel Bewegung in die erstarrten Fronten? Der Besucher aus Seoul jedenfalls verfolgt die dramatischen Ereignisse an der Berliner Mauer mit schüchterner Hoffnung für das eigene geteilte Land. Kim II Sung gehörte zu den wenigen KP-Führern, die den chinesischen Machthabern nach dem Juni-Massaker gratulierten. Das mag kein gutes Omen sein. Aber dem Pekinger Blutbad applaudierte auch der Mann, der jetzt die Mauer in Deutschland öffnen ließ – Egon Krenz. Christoph Bertram