Von Christian Schmidt-Häuer

Kischinjow, im November

Dutzende Hände streckten sich mir schon zur Gratulation entgegen, bevor noch die Mauer in Berlin fiel. „Deutschland wird wieder zusammen und stark sein“, bekräftigten die Männer schulterklopfend. „Kein Volk kann man auf Dauer künstlich teilen – uns auch nicht!“ Am Platz des Sieges im Zentrum von Kischinjow, der Hauptstadt der südlichen Sowjetrepublik Moldawien, diskutieren und gestikulieren sie tagein, tagaus unter lange verbotener Flagge: der rotgelbblauen Trikolore sowohl des benachbarten Rumäniens als auch der kurzlebigen Republik Moldau zwischen 1917 und 1918. Aufgewühlte Moldawier debattieren mit neu entflammten Emotionen über Stalins Annexion ihrer Heimat, die zwischen den Weltkriegen zu Rumänien gehört hatte.

Wie häufig dieser Landstrich, der in weiten Teilen dem früheren Bessarabien entspricht, zwischen Russen und Rumänen wechselte, zeigt schon der Standort der Demonstranten. Ihr „Hyde-Park“ liegt zwischen einem rumänisch-pompösen Triumphbogen und dem sowjetischen Regierungsgebäude mit richtungsweisendem Lenin aus Granit, zwischen dem blumengeschmückten Standbild des mittelalterlichen moldawischen Fürsten Stefan und dem Eingang zum Puschkin-Park, in dem das kleine Denkmal des größten russischen Dichters neuerdings manchmal mit Dreck beworfen wird.

Im Gegensatz zum Aufbruch der DDR-Bürger würde ein Auszug der 4,2 Millionen Moldawier in ihr gleichsprachiges größeres Bruderland Rumänien – wenn er ihnen nicht ohnehin untersagt bliebe – von einem autoritären in einen totalitären Staat führen, von einer erträglich versorgten Republik ohne Lebensmittelkarten in die katastrophale Armut und Finsternis der Diktatur Ceau-şescus. Das macht das Aufbegehren der noch überwiegend bäuerlich geprägten Bevölkerung erratischer. Der Suche nach eigener Identität, nach Befreiung von der russischen Unterdrückung ihrer Geschichte, Sprache und Schrift fehlen die realpolitischen Koordinaten und ökonomischen Hebel der auf volle Eigenstaatlichkeit hinsteuernden baltischen Völker.

So kam, was viele diesem bisher kaum aggressiven Volk nicht zugetraut hatten: Während sich die Deutschen in Berlin zum größten Straßenfest zwischen Ost und West seit der Teilung Europas vereinten, tobten in Kischinjow schwere Straßenschlachten. Der diffuse Nationalismus entlud sich in blutigem Aufruhr. In der lange Zeit als vergleichsweise idyllischer Obstgarten geltenden Sowjetrepublik von der Größe der Schweiz droht ein weiterer nationaler Schwelbrand.

Flammen schlugen am Freitag aus umgestürzten Autos und aus den Eckfenstern des Innenministeriums, Brandfackeln und Molotow-Cocktails flogen gegen das Gebäude, aus dem rund 6000 Demonstranten zwanzig festgenommene Nationalisten befreien wollten. Die hatten bereits am 7. November den traditionellen Aufmarsch zum 72. Jahrestag der Oktoberrevolution platzen lassen, als sie zusammen mit Hunderten junger Moldawier die zur Parade bereitgestellten Militärfahrzeuge blockierten, einen Panzerwagen auf die Seite kippten und die Parteiprominenz zum fluchtartigen Rückzug von der Ehrentribüne zwangen.