Das Prager Blutgericht im Morgengrauen des 17. November 1939

Von Ivan Pfaff

Nach der Besetzung des tschechischen Rumpfstaates durch die Wehrmacht am 15. März 1939 und der Proklamation des "Protektorats Böhmen und Mähren" am folgenden Tag haben breite Schichten des tschechischen Volkes, beherrscht von Zorn und Haß gegen die Nazis, keine Gelegenheit versäumt, ihren Widerstand gegen die deutsche Gewaltherrschaft zu demonstrieren.

So wurde die Überführung der sterblichen Überreste des Dichters Karel Hynek Mächa (1810-1836), des Gründers der neuzeitlichen tschechischen Poesie, von Leitmeritz nach Prag am 6. Mai 1939 zu einer großen, nationalen Demonstration: Etwa 12 000 Tschechen defilierten an dem im Pantheon des Nationalmuseums aufgebahrten Sarg vorbei; Hunderttausende warteten in den Straßen Prags auf den Trauerzug.

So demonstrierten 80 000 Tschechen in Ostrau am Muttertag, dem 14. Mai. So versammelten sich 50 000 Tschechen am 6. Juli, dem Todestag von Jan Hus, vor seinem Denkmal am Prager Altstädter Ring. So beteiligten sich mehr als 100 000 Menschen an der katholischen St. Laurentius-Wallfahrt bei Taus am 13. August, wo Monsignore Stasek eine "aufwühlende nationale" Predigt hielt, derentwegen er dann verhaftet wurde. So kam es am 30. September – dem ersten Jahrestag des Münchner Abkommens – in Prag zu einem allgemeinen Boykott der Straßenbahnen und des Zeitungsverkaufs.

Daher waren auch und gerade am 28. Oktober 1939 – dem ersten tschechoslowakischen Staatsfeiertag unter der deutschen Herrschaft – großangelegte Demonstrationen zu erwarten. An der Vorbereitung beteiligten sich sowohl nationale Widerstandsgruppen verschiedener Couleur als auch die illegale kommunistische Partei; allen ging es darum, den Widerstandsgeist der Tschechen wieder aufzurichten, nachdem der überraschend schnelle Zusammenbruch Polens viele deprimiert hatte.

Zwischen dem 10. und 26. Oktober erschienen in Prag in mehreren Wellen verschiedenartig gefärbte Flugblätter, auf denen man zur Feier des 28. Oktober aufrief. Die Bevölkerung wurde aufgefordert, an diesem Tage Feiertagskleider und schwarze Krawatten zu tragen, Bänder in tschechischen Nationalfarben anzulegen, nicht einzukaufen, die Straßenbahn nicht zu benutzen, die Presse zu boykottieren, die Arbeit in den Betrieben für fünfzehn Minuten niederzulegen und sich um 18 Uhr am Wenzelsplatz zu versammeln und dort für zwei Schweigeminuten innezuhalten.